AUSGEHEN : Wo warste jewesen?

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Es war so ein Auftritt, der „Hach, Berlin!“ denken machte. Da kam gegen halb eins in der Nacht eine wuchtige Matrone in die Pinte an der Eisenacher Straße in Schöneberg gewackelt – und alles schrie auf: „Mensch, Gloria, wo warste jewesen?“ Die derart Adressierte fasste sich an den gewaltigen Busen, woraufhin es im BH klimperte, und sagte: „Na, drüben, beim Bingo!“ Darauf folgten viele mit dem Geld aus dem Büstenhalter spendierte Tresenrunden Persiko und allgemein ein netter Abend, an dem sich von Gloria noch das Wort „pupillieren“ als Ausdruck für sorgsames Ins-Auge-Starren beim Anstoßen lernen ließ.

Nun ist es ja nicht wirklich originell, die soziale Verbindlichkeit der Berliner Eckkneipe zu preisen – an dieser Stelle und aus diesem Anlass muss es aber doch noch mal geschehen. Allein, um dieser grandiosen, immer wieder so oder ähnlich gehörten Begrüßung zu huldigen: „Mensch, wo warste jewesen?“ Da steckt so viel drin: Das Plusquamperfekt deutet an, dass der Angesprochene ja nun zum Glück hier ist, die ganze Frage, dass er zuvor vermisst wurde. „Wo warste jewesen?“ beschreibt eine große Leere im Moment ihres Vergehens, es ist die satzgewordene Feier des Endes einer Leidenszeit. Zugleich steckt darin natürlich auch eine fast schon preußische Genauigkeit, ein Mahnen an die Bürgerpflicht des Kneipengängers gegenüber seinen Mitgeschöpfen: Jemand bekommt hier zu verstehen gegeben, dass er, während er illuster in der Weltgeschichte rumturnte, eigentlich hier, bei den anderen, hätte sein sollen. Ganz so, als habe sich Gewohnheit in verbindliche Terminabsprache verwandelt, ja, als ginge das überhaupt.

Doch – und das macht gerade die oben beschriebene Szene zu einer ganz besonderen: Ein „Wo warste jewesen?“ ist nichts ohne die entsprechende Antwort. „Na, drüben, beim Bingo!“ ist eine ganz starke Variante, stellt es doch gleich von der anderen Seite die gleiche soziale Verbindlichkeit her wie zuvor die Frage. „Na“ pocht von Beginn an auf absolutes Einverständnis, „drüben“ bezeichnet einen Ort, den offenbar alle hier kennen, und „Bingo“ ist sowieso immer ein Volltreffer. Ähnlich gut sind eigentlich nur noch „Na, wo schon?“ und „Ach, frag nicht!“. Warum? Ach, frag nicht...

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