Kultur : Ausgeleuchtet

ECKART SCHWINGER

Der wohlabgewogene, klang-und sinnvoll geformte Ton mit der tiefen räumlichen Staffelung wirkte vertraut.Kein Wunder, denn am Pult stand der einstige Chefdirigent des BSO, der das Orchester in Jahren eiserner Aufbauarbeit in die europäische Spitze geführt und geprägt hat.Bei der großen g-Moll-Sinfonie von Mozart kam der typische Sanderling-Sound freilich zunächst noch ziemlich gedrosselt herüber, war alles in ein mildes, abgeklärtes Licht getaucht, erschienen zunächst auch die Tempi allzusehr gebremst.Überraschenderweise dirigierte Kurt Sanderling (bei ihm eine absolute Neuheit) die Mozartsche g-Moll-Sinfonie ohne Taktstock.Und die Bevorzugung der elegischen "Klarinettenfassung" gegenüber der holzschnittartig-herberen "Oboenfassung" war sicherlich symptomatisch für die insgesamt mit großer Altersweisheit, Kultur und Noblesse präsentierte Sinfonie KV 550.

Wie ausgewechselt, tatendurstig trat der 86jährige Kurt Sanderling nach der Pause ans Pult des in Hochform musizierenden Berliner Sinfonieorchesters und brachte vom ersten Satz an die "Eroica" gehörig in Fahrt.Er hatte auch den Taktstock wieder mitgebracht (was sich als günstig erwies) und überraschte mit einem einem bedrängend plastischen und bis auf den Grund klug ausgeleuchteten, restlos entschlackten Beethoven-Bild.Im Gegensatz zu dem romantisch abgeklärten Mozart-Bild hat es ganz und gar nichts zu tun mit der Klangwelt von gestern.Da konnte man immer wieder auch etwas vom brisanten Dirigierstil des passionierten Schostakowitsch- und Mahler-Dirigenten spüren.Die weitausgreifende Konzeption, der ganze Spannungsaufbau hatten es in sich.Der erste Satz klang bisweilen beinahe rauher, stürmischer als man es von früheren Sanderling-Interpretationen gewöhnt war.Der Trauermarsch ging ohne peinliche Theatralik über die Bühne und fesselte durch die empfindsame Ausformung.Der Jubel um den Meisterdirigenten der alten, großen Schule war an seiner einstigen Wirkungsstätte riesig.

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