Kultur : Ausgelutscht

Wettbewerb (3): Lou Taylor Pucci in „Thumbsucker“

Kerstin Decker

Viele solcher Coming-of-age-Filme beginnen so: Blick auf irgendeine Vorgarten-Vorstadt am Morgen. Aber selten stand eine noch brennende Straßenlaterne derart fotogen im Frühlicht. Das Viertel wacht auf, und der Junge ebenfalls – an diesem zufälligen Morgen, sowie im Leben selbst. Man nennt das auch Erwachsenwerden. Aber wie wird einer erwachsen, wenn er schon siebzehn ist und noch immer den Daumen nimmt?

Die Sache befremdet. Und seltsam, einen Film, der „Thumbsucker“ heißt, also auf deutsch so viel wie „Daumenlutscher“, den will man nicht unbedingt sehen. Lou Taylor Pucci spielt diesen Thumbsucker, sehr sensibel, sehr verletzlich und gleichsam durchsichtig bis auf feinste Seelenregungen. Sein größtes Verdienst aber besteht darin, dass er den Daumen in den Mund nehmen kann und es ist möglich, ihm dabei zuzusehen.

Überhaupt ist diese Coming-of-age-Komödie von Mike Mills sehr fein, sehr andeutend gemacht. Keiner Grobheit, keiner Überdeutlichkeit macht sie sich schuldig. Und ihr Humor ist von der Art, Keanu Reeves als Kieferorthopäden (!) mit quasi 68er-Gemütsleben zu bestellen. Er hat dem Siebzehnjährigen gerade die Zähne gerichtet – und nicht vor, das noch einmal zu tun. Weshalb er seinen Patienten mit einem wunderbar-kitschigen „Wölfe-heulen-den-Mond-an“-Bild hypnotisiert.

Ja, muss man einen solchen Film nicht lieben? „Thumbsucker“ hat nur einen kleinen Fehler. Er ist ein bisschen, nun ja, langweilig. Wir ahnen gleich am Anfang, was wir erst am Ende wirklich wissen sollen. Ja, Reeves’ Hypnose hilft wirklich, der einstige Thumbsucker wird der Beste im schuleigenen Debattierclub, nur entwickelt er bald merkwürdige neue Süchte. Und, ja, wir alle haben kleinere und größere Defekte, die Eltern des Thumbsuckers inclusive, und sein Kieferorthopäde erst! Vielleicht kommt es nur darauf an, mit diesen Defekten zu leben, statt Krieg gegen sie zu führen. Und die Art, wie einer das tut, ist dann das, was wir Individualität nennen.

Heute 9.30 und 21 Uhr (Urania)

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