Kultur : Ausgerechnet Bananen

Andreas Homoki und Kirill Petrenko starten an der Komischen Oper Berlin mit Smetanas „Verkaufter Braut“

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Von Frederik Hanssen

Wenn das Licht langsam wegdimmt und der Auftrittsapplaus aufbrandet, lässt zunächst nur der hochgereckte Taktstock darauf schließen, dass Kirill Petrenko in der Komischen Oper angekommen ist. Der kleine Russe mit dem Mecki-Haarschnitt und dem verschmitzten Igelgesicht ragt kaum über den Rand des Orchestergrabens. In seinen Händen aber walten Riesenkräfte. Schon die ersten Takte sind ein unmissverständliches Statement: Wo ich bin, hat Schlendrian keine Chance! Ab sofort herrschen hier Disziplin und Exaktheit! Wüsste man nicht, dass der neue Chefdirigent des Hauses in Omsk geboren und in Wien ausgebildet wurde, und wüsste man nicht, dass er mit seinen gerade 30 Jahren der wohl jüngste Generalmusikdirektor der Welt ist, man könnte meinen, hier walte ein alter Kapellmeister-Haudegen. Reckt man aber seinen Kopf ein wenig, sieht man kein Hauen und Stechen, sondern eine äußerst geschmeidige Gebärdensprache mit weit ausholenden Bewegungen der linken und klaren, wirkungsvollen Angaben der rechten Hand. Kirill Petrenko ist alles andere als ein sturer Taktschläger – aber Präzision ist ihm wichtig.

Und damit liegt er in diesem Fall genau richtig: Die Ouvertüre zu Bedrich Smetanas „Verkaufter Braut“ ist in ihrer Dualität von quirliger Kontrapunktik und volkstanzhafter Melodik ein heikle Angelegenheit. Petrenko schlägt ein rasantes Tempo an, lässt das Stück virtuos abschnurren, ohne ins Nähmaschinenhafte zu verfallen. Und das Orchester der Komischen Oper glänzt wie nach dem Frühjahrsputz. Gäbe es nicht überall im Parkett diese hässlichen Klanglöcher, in denen Posaunenstöße wie Knallfrösche explodieren oder die Holzbläser unangenehm herausknallen, die Freude über dieses neue Klangideal wäre ungetrübt. Gewiss wünscht sich mancher in den lyrischen Passagen der Oper mehr böhmischen Gefühlsüberschwang, gewiss vermisst der eine oder andere die Gemütlichkeit der dörflich-tümelnden Chorpassagen. Und zweifellos wird Kirill Petrenko in den Folgeaufführungen die Zügel etwas lockerer lassen – doch die Passagen, in denen sich Smetana an der aufgedreht-plappernden Komik der deutschen Spieloper orientiert, wirken einfach umwerfend frisch und funkelnd. Und auch die Chorsolisten wachsen noch einmal über sich hinaus, singen so pracht- und lustvoll wie sie die vergnügungssüchtige Dorfgemeinschaft spielen.

Mit diesem detailversessenen Präzisionsarbeiter hat die Komische Oper – in den vergangenen Jahren mit hoch begabten Jungdirigenten von Yakov Kreizberg über Vladimir Jurowski bis Matthias Foremny reich gesegnet - einmal mehr einen guten Griff getan. Wenn Musiker und Dirigent das am Sonntag vorgelegte Tempo durchhalten, stehen goldene Zeiten bevor, könnten sich erstmals in der Geschichte des Hauses die Kräfteverhältnisse zwischen Graben und Szene umkehren. Nicht nur unter dem legendären Gründer Walter Felsenstein, auch unter den nachfolgenden Chefregisseuren Joachim Herz und Harry Kupfer hatte die Regie stets das gewichtigere, das letzte Wort – entgegen der Ursprungsidee von einem Musiktheater, das die Schwesterkünste Gesang und Drama zu Zwillingen macht.

Dabei zerfiel in den letzten Jahren die Solistentruppe, und die Komische Oper wurde zur Durchreisestation für Gastsänger wie andere große Häuser auch. Mit dem neuen Ensemble, das Per Boye Hansen gegen den Trend zum sängerischen Freiberuflertum in mühevoller Überzeugungsarbeit zusammengebracht hat, stabilisiert das Haus eine seiner tragenden Säulen, die die Komische Oper neben der Deutschsprachigkeit unverwechselbar und damit in Berlin unverzichtbar machen.

Fast alle Rollen sind in dieser „Verkauften Braut“ ganz vortrefflich mit eigenen Kräften besetzt. Die beiden älteren Ehepaare zum Beispiel, die mit ihrem Kinder-Geschacher den Konflikt auslösen, scheinen dem Handbuch des Spießertums entstiegen: Nanco de Vries gibt den Bauern Krusina mit genialer Verklemmtheit, Beatrice Niehoff ist die gutherzige, aber letztlich hilflose Mutter dazu. Klemens Slowioczek (Micha) und Ute Trekel-Burckhardt (Hata) dagegen haben als Neureichs ihre Gefühle schockgefrostet.

Optisch nicht gerade Sympathieträger sind Bettina Jensen und Torsten Kerl als Liebespaar: er ein billig blondierter Cowboystiefelträger mit Schmerbauch, sie gestraft mit einem missglücktem Kurzhaarschnitt und ebenfalls nicht gertenschlank. Und doch greift ihre Geschichte ans Herz. Weil sie sich bedingungslos an ihre Figuren verlieren: Torsten Kerl hat den richtigen, kernigen Tenor für diesen naiven Helden der Hinterlist, der seine Marenka so gedankenlos quält. Wer Bettina Jensen leiden, kämpfen, verzweifeln sieht, wer ihre wunderschönen Töne der Trauer hört, versteht nicht, dass sie ihn am Ende noch nimmt. Als stotternder Vasek schließlich erspielt sich Andreas Conrad viele Bravos, wie übrigens schon in der 1985er-Vorgängerinszenierung (die Harry Kupfer vollendete, nachdem der ursprünglich engagierte Peter Konwitschny rausgeworfen worden war, weil das „Dukaten-Duett“ bei ihm im Herrenklo spielte).

So positiv das alles klingen mag – der Abend wurde doch noch zum Skandal. Warum? Weil Andreas Homoki, der neue Chefregisseur, mit einer Unsensibilität ins Fettnäpfchen stapft, die man ihm nicht zugetraut hätte. Dabei wollte er eigentlich nur das machen, was er am besten kann: Oper komisch inszenieren. Sein locker-leichter „Falstaff“, die „Liebe zu den drei Orangen“ und die „Lustige Witwe“ kamen bestens in Berlin an. Und so sollte diese „Verkaufte Braut“ auch werden. Frank Philipp Schlößmann hatte Homoki dafür das billigste Bühnenbild in der Geschichte der Komischen Oper gebaut, einen groben Bretterzaun, auf dem mächtig herumgeturnt wird. Tempo statt Tiefgang schien das Motto der Proben gewesen zu sein: Der Chor legt im Laufe des Abends mehrere Kilometer zurück, emotional herausgeforderte Protagonisten prallen so häufig gegen das Bühnenportal wie in besten Kupfer-Tagen. Dann aber knallt Andreas Homoki seinem Stammpublikum derart eins vors Schienbein, dass die ersten bereits im ersten Akt wütend aufschreien. Der Regisseur hat die Handlung in die unmittelbare Nachwendezeit verlegt. Heiratsvermittler Kezal (Manfred Hemm) ist als windiger Geschäftsreisender in böhmischen Dörfern unterwegs, wo er jede Menge Dumpfbacken-Ossis trifft, die sich kreischend auf neonfarbene Billigklamotten stürzen und sich täglich gnadenlos die Hucke vollsaufen – aber trotzdem zu doof sind, um eine Bierdose aus dem Westen aufzukriegen. Zum happy end bekommen diese geistig armen Brüder und Schwestern dann als Trost wenigstens eine Extraladung – Bananen!

Sowas will auch im Jahre 12 der Wiedervereinigung niemand sehen. Sowas sollte sich einer, der in der Komischen Oper Berlin Musiktheatergeschichte schreiben will, gut überlegen.

Doch Andreas Homoki geht seinen Einstand alles andere als umsichtig an, auch hausintern. Fünf Tage vor der Premiere fiel bereits ein hässlicher Schatten auf das gewinnende Lächeln des neuen Chefs: Durch eine Indiskretion konnte man in der Zeitung lesen, dass der neue Chefregisseur 2004 auch die Intendanz übernehmen wird. Was aber den zuständigen Berliner Kultursenator zu der Überzeugung brachte, Homoki, der bislang ausschließlich als freier Regisseur gearbeitet hat, könne das Haus besser führen als der aktuelle Amtsinhaber Albert Kost, blieb dabei im Dunkeln.

Ein anderes Geheimnis allerdings hat diese Premiere enthüllt: Was nämlich die junge Frau auf dem stadtweit geklebten Werbeplakat für die „Verkaufte Braut“ damit aussagen will, dass sie ihre beiden geballten Fäuste gegen die Wange drückt: „Au Backe!“

Wieder am 12., 15., 22., 25. und 28. 9.

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