Kultur : Ausgeträumt

Für Mädchen: Das Maxim-Gorki-Theater adaptiert Clemens Meyers Roman

Christine Wahl

„Der Autor sitzt auf der Treppe, das sind die Berliner Verhältnisse", scherzt Clemens Meyer, als er im überfüllten Studio des Maxim-Gorki-Theaters keinen freien Platz mehr findet. Tatsächlich beweist der Leipziger Buchmessenpreisträger echte Performance-Qualitäten, als er im schönsten Sächsisch anbietet, auf dem Boden Platz zu nehmen. Er wirkt vor der Berlinpremiere seines Romandebüts „Als wir träumten“ sichtlich gelöster als bei der Uraufführung vor zwei Wochen in Leipzig: Schließlich weiß er, was auf ihn zukommt. Und ein Stuhl wird selbstredend auch noch herbeigeschafft, bevor die eigentliche Performance beginnt.

Für die hatte Regisseur Armin Petras eine weitreichende Verfremdungsidee: Die Jungsclique, die sich in Meyers Roman durchs unmittelbare Vor- und Nachwende-Leipzig prügelt, klaut und säuft, wird hier von fünf tollen, sämtlich langhaarigen Schauspielerinnen dargestellt. Anja Schneider, Marlène Dunker, Carolin Conrad, Hanna Eichel und Anika Baumann, die sich seit der Leipziger Uraufführung spürbar eingespielt haben, imitieren präpotente Macho-Choreografien sowie kleine dreckige Jungsgruppenbestätigungslacher und lassen vor dem riesigen grauen Pappmachéquader (Bühne: Ulrike Bresan und Bernd Schneider), der sich bei Bedarf zu einer Guckkastenbühne öffnen lässt, zwischen Liegestütz, Handpuppenspiel und Callgirl-Bestellung nichts aus.

Umgekehrt fallen sämtliche Frauenrollen zwischen vierzig und neunzig dem Leipziger Schauspieler Berndt Stübner zu, der sie - wechselweise in der mütterlichen Hausschlappe oder im realsozialistischen Lehrerinnenkostüm – nicht an billige Lacher verrät, sondern präzise spielt und dadurch eine im besten Sinne ungewöhnliche Perspektive auf sie eröffnet.

Zur Buchvorlage schafft Petras mit dieser Regiemaßnahme die größtmögliche Distanz. Denn obwohl wir zurzeit angeblich auf der „neuen deutschen Alphamädchen“-Welle reiten, ist doch Meyers Roman als Neoklassiker der Jungsbuchsparte zu bezeichnen: Frauen diesseits der dreißig kommen fast ausschließlich als Sehnsuchtsobjekte vor. Meyers Buch lebt davon, dass der Autor ganz nah am Geschehen ist, dass er ohne jede Metaebenen-Eitelkeit genau beschreibt.

Da die Bühne für solcherart Realismus das denkbar ungeeignetste Medium ist (und, davon abgesehen, eine platte ausschnitthafte Romannacherzählung sich die Sinnfrage gefallen lassen müsste), ist Petras’ Ansatz theoretisch nachvollziehbar. In der Praxis allerdings führt das, was als Erweiterung des Blickwinkels gedacht war, eher zu einer Verengung. Denn Meyers Roman balanciert gekonnt zwischen einer Jungscliquenromantik, angesichts deren sozialer Qualitäten jeder Familientherapeut Luftsprünge machen müsste, und einer gnadenlosen Härte, wenn die Kinder zuschlagen (oder geschlagen werden).

Bei Petras hingegen schlägt dieses Pendel überdeutlich in Richtung Harmlosigkeit aus. Wo Meyer moralische Urteile vermeidet, plädiert die Regie eindeutig auf: nicht schuldig. Da die machistischen Gesten bei den jungen Frauen intendiertermaßen noch hilfloser und aufgesetzter wirken als bei halbstarken Jungs, hätte es umso stärker eines harten Gegenpols bedurft. Statt dessen zieht die Textfassung in der Moralfrage politisch korrekt nach und bestätigt abendfüllend: nicht schuldig. In der knapp zweistündigen Spielversion, die Petras mit der Dramaturgin Carmen Wolfram aus dem mehr als fünfhundertseitigen Roman destilliert hat, wird überraschend selten geprügelt – und wenn, dann nicht einander ins Gesicht, sondern mit Brettern auf den Bühnenboden. Der Fokus liegt so klar auf dem romantischen Aspekt, dass man sich ohne Romankenntnis ernsthaft fragen müsste, wofür das Cliquenmitglied Rico eigentlich ständig in den Knast wandert.

Kurzum: Die ästhetische Realismusvermeidung wiederholt sich auf der Inhaltsebene. Die Inszenierung wirkt ein bisschen wie die nostalgische Zeitreise in eine Jugend, die es so sanft nie gegeben hat. Ästhetisch mag das als jugendlich flottes Theater durchgehen. Als Sichtweise aber verwundert es – gerade bei Petras, der den Osten doch schon oft ebenso unterhaltsam wie perspektivenreich auf die Bühne gebracht hat.

Weitere Vorstellungen am 29. 4., 29. 5. und 1. 7., jeweils 20 Uhr.

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