Kultur : „Ausgewogen“

Kollektiver Philosemitismus? Vivien Stein zur Kritik an ihrer Berggruen-Biografie

Gerrit Bartels/Rüdiger Schaper
Foto: Edition Alpenblick
Foto: Edition Alpenblick

Gibt man im Internet die Adresse des Schweizer Verlags Edition Alpenblick ein, erscheint in großen, blassgrauen Lettern der Name Heinz Berggruen, im Hintergrund ein Bild des jüdischen Kunstsammlers sowie der Schriftzug „Macht und Magie – die Lebensgeschichte des Heinz Berggruen“. Weiter gibt es Hinweise auf das Buch („Heinz Berggruen, einer der geheimnisvollsten Mäzene Deutschlands“), zwei Kontaktadressen des in Zürich beheimateten Verlags, postalisch und elektronisch, sowie eine Kurzbiografie und ein Foto der Verfasserin Vivien Stein, die ihre erste Publikation vorlegt: „Heinz Berggruen. Leben & Legende.“

Das Buch hat, weil es Heinz Berggruen auf breiter Front attackiert, ihn als Aufschneider und Geschäftemacher darstellt, der nur seinen Vorteil verfolgt und in Berlin die „jüdische Karte“ ausgespielt habe, heftige Kritik provoziert (Tagesspiegel vom 13. und 14. 11.) Berggruen wurde 1914 in Berlin geboren, 1936 floh er vor den Nazis ins Ausland, 60 Jahre später kehrte er nach Berlin zurück. Im Jahr 2000 kaufte der Bund seine Sammlung mit Werken der klassischen Moderne, die im Museum Berggruen in Charlottenburg Millionen Besucher angezogen hat.

Tatsächlich handelt es sich um das bislang einzige Buch des am 8. Juni 2011 ins Handelsregister eingetragenen Verlags, dem die in Deutschland geborene Verlegerin Anneliese Rüffer als Geschäftsführerin vorsteht. Rüffer leitet auch den seit 2001 existierenden, vor allem in den Bereichen „Medizin/Psychiatrie“ und „Zeitfragen“ tätigen Sachbuchverlag Rüffer und Rub Lyssy sowie den Römerhof Verlag, die wie die Edition Alpenblick in der Züricher Konkordiastraße 20 ansässig sind. Zur Frage, warum für Steins Buch ein neuer Verlag gegründet wurde, sagt Rüffer: „Das ist ein interessantes, glänzend recherchiertes Buch, das uns von der Autorin direkt angeboten worden ist. Wir haben die Gelegenheit gesehen, damit in den Kunstbereich einzusteigen.“

Nun gibt es bei Rüffer und Rub auch Bücher auf dem Gebiet „Kunst/ Kultur/Musik“ (zum Beispiel Dirk Bolls „Kunst ist käuflich. Freie Sicht auf den Kunstmarkt“), auch ist der Römerhof Verlag 2009 eigens für Biografien gegründet worden – das Buch über Berggruen hätte gut ins Programm gepasst. Anneliese Rüffer sagt dazu nur, sie würde bei einem erfolgversprechenden Kochbuch auch einen Kochbuchverlag neu gründen. Jedenfalls sollen dem Berggruen-Band weitere Bücher in der Edition Alpenblick folgen. Auf die Brisanz des Buchs möchte Rüffel nicht weiter eingehen. Es sei aber „von einigen Juristen gelesen“ worden, „fast alles ist belegbar“, vor eventuellen Klagen der BerggruenSöhne habe man keine Angst.

Die Verfasserin ist Vivien Reuter. Sie schreibt unter ihrem Mädchennamen Vivien Stein und lebte bis 1994 in Berlin, war freie Mitarbeiterin des Auktionshauses Villa Grisebach. Dem Grisebach-Chef Bernd Schultz wirft der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann nun vor, er habe Berggruen in einem üblen Brief der Geschäftemacherei bezichtigt, wohl wegen entgangener Geschäfte für das Auktionshaus. Ein schwerer Vorwurf, zu dem sich Schultz gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern möchte.

Mittlerweile lebt die Autorin in Paris und arbeitet bei der International Astronomical Union. Am Telefon sagt sie, dass ihre Agentin das Buch auch deutschen Verlagen angeboten habe, sich hier aber keiner „daran getraut“ habe. „Sie hatten mitunter Angst, sich dem Antisemitismusvorwurf auszusetzen oder in die rechte Ecke gestellt zu werden.“ Stein, die 1951 in New York als Tochter jüdischer Emigranten geboren wurde, fühlt sich missverstanden und wundert sich über die Kritik an ihrem Werk: „Man muss auch über Juden differenziert urteilen können.“ Sie hält ihr Buch für „ausgewogen“ und „objektiv“, „das hätte jeder schreiben können, das war eine interessante Fingerübung. Man muss nur recherchieren“.

Zweieinhalb Jahre hat Stein an der Biografie gearbeitet. Fragt man sie nach ihrer Motivation, Berggruens Leben und Geschäfte so akribisch zu erkunden, antwortet sie: „Ich wollte die Wahrheit feststellen. Mir ging es zu weit, wie er die deutschen Emotionen missbraucht hat. Man nennt das kollektiven Philosemitismus. Es ist vielen Juden unangenehm, von Heinz Berggruen repräsentiert zu werden.“ Der Furor, der in ihren 576 Seiten steckt, ist damit noch nicht erklärt. Gerrit Bartels/Rüdiger Schaper

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