Kultur : Ausreißer

Thea Herold

Papier ist – als Medium – vor allem ein Platz zum Ausprobieren, zum Warmlaufen. Wer auf Papier arbeitet, der skizziert, notiert, zeichnet (in altem Deutsch: reißt an) – strickt sich also den visuellen Bauplan für etwas Größeres und denkt meist nicht an Öffentlichkeit. Jedenfalls nicht gleich. Papiere sind, als Material,von geringem Gewicht. Sie sind empfindlich und man muss mit allem rechnen, weil sie alles aufnehmen und kaum Korrekturen zulassen. Jedenfalls nicht spurlos.

Glücklicherweise gibt es Galeristen, die sich bis in die Papierecken der Ateliers vorwühlen. Guido W. Baudach präsentiert derzeit im Haus 7 in den Osram-Höfen (Oudenarderstraße 16 – 20, bis 28. Januar) die Ernte seiner Recherche in Sachen Papier: eine charakterstarke Männerrunde, in der jeder eine eigene Spur zieht, die es lohnt, verfolgt zu werden. Etwa die „Strategie-Papiere“ von Thomas Zipp . Drehende Winkel im Nachmittagslicht. Ob er Hermann Glöckners Achsenzeichnungen kennt? Oder Thilo Heinzmann , der das Material nur minimal durch Berührungen mit Kreide, Klecks und Klebestreifen (8000 Euro) berührt. Bei André Butzer s großen Zeichnungen reichen blauer Buntstift und Bleistift, um Fläche und Figuren zum Schwingen zu bringen (5500 Euro). Andreas Hofers Serie liest sich dagegen wie eine knitterige, innere Karthografie mit selbstironischen Randglossen (10-teilig; 19 900 Euro). Und bei Erwin Kneishl, Thomas Helbig, Bjarne Melgaard . . .

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. . . wirklich, es ist zum Heulen, aber bei Gruppenausstellungen kann nie jeder das gleiche Licht bekommen, nicht im Text und nicht im Raum. Trotzdem gelingt es dem Galeristen Edzard Brahms in „Arbeiten auf Papier“ in der Villa Grisebach Gallery (Fasanenstraße 25, bis 28. Januar) virtuos auszubalancieren, was er zusammenbringt . Jaro Straubs erstklassige Din-A4-Formate in schnarrender Diaprojektion – Tusche-Zeichnungen auf Speed (2500 Euro). Etwa Andrea Büttners herrlich derbe Siebdrucke und fragile Holzschnitte auf Japanpapier, die eine sinnliche Zerreißprobe vom Feinsten ergeben (6000 Euro). Christian Hahn bewies schon als Student, in einer Ausstellung im Tschuwaschischem Nationalmuseum, wie virtuos er alte Drucktechniken beherrscht und trotzdem ganz Zeitgenosse bleibt (ab 650 Euro). Und schließlich Matthew Burbidge , der für „Jackson and me“ einen Pollockdruck zerschnitten hat und in einen dreidimensionalen Scherenschnitt umwandelt. Ein unfolgsamer Meisterschüler in den verlorenen Paradiesen der Fine Art. Auch Burbidge, eigentlich Installationskünstler, zeichnet auf Papier. Ernst gemeinte Bauanleitungen für später, vielleicht für seine nächste im Februar geplante Einzelausstellung in der Galerie. Papier ist – als Träger – ein fragiler Stoff. Aber er kann etwas zum Tragen bringen, das allein in seiner Leichtigkeit schon alles Gewicht hat.

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