Kultur : Ausritt mit Piano

Mit „The Captain & The Kid“ knüpft Elton John an seine besten Alben an

Christian Schröder

Erinnerung spricht nicht. Sie swingt. Ein wehmütig schepperndes Vorspiel, dann rollen die Piano-Akkorde. Atemlos zählt der Sänger Bruchstücke aus seinem Gedächtnis auf, Bilder wie aus einem überbelichteten Urlaubsfilm. Präsident Nixon, der im Fernsehen um Fassung ringt. Die frenetische Begrüßung durch Fans und Presse. Braun gebrannte Teenager in Los Angeles, „beauty like we’d never seen“. Am Sunset Strip ein roter Porsche, in dem Steve McQueen sitzt. Backgroundchöre, E-Gitarren, der Song franst orchestral aus. Am Ende muss der Präsident zurücktreten, aber die Euphorie bleibt. „And we heard Richard Nixon say / I gotto go but you can stay.“

„Postcards From Richard Nixon“ heißt das Stück, auf dem Elton John seinen Aufstieg zum Weltstar besingt. 1970 tourte er zum ersten Mal durch die USA, 1973 – ein Jahr vor Nixons Abgang – schaffte er den Durchbruch. Sein Doppelalbum „Goodbye Yellow Brick Lane“ hielt sich zwei Jahre in den Charts, die Zeitungen jubelten „Elton storms the States“, Elton stürmt die Staaten. Es war wie die Wiederauflage jener „British Invasion“, mit der die Beatles und die Stones den größten Musikmarkt der Welt erobert hatten. Nur dass die Invasion diesmal von einem untersetzten Pianisten mit dünnen Haaren ausging, der seinen Minderwertigkeitskomplex hinter schrillen Showbrillen und in exzentrischen Bühnenkostümen versteckte. Amerika war das Land der Träume und scheinbar grenzenloser Freiheit. Die Gegenwart wird in „Postcards From Richard Nixon“ mit keiner Silbe erwähnt, aber natürlich ist das in Nostalgie schwelgende Lied auch ein Kommentar zum von Angst und Misstrauen geprägten Bush-Amerika.

Mit seiner neuen CD „The Captain & The Kid“ knüpft Elton John an seine größten Songwriter-Tage an. Der Titel spielt auf „Captain Jack And The Brown Dirt Cowboy“ an, ein klassisches Album aus dem Jahr 1975. Mit dem Superhelden „Captain Fantastic“ meint der Sänger natürlich sich selbst, der Cowboy ist sein Texter Bernie Taupin, mit dem er seit fast vierzig Jahren arbeitet. Auf dem Cover ist das Gespann erstmals gemeinsam abgebildet: John sitzt mit seinem Flügel auf einer Pferdewiese, Taupin reitet vorbei. 200 Millionen Platten hat Elton John verkauft, aber es gab Zeiten, in denen er abgehalftert war. Die Drogen hatten ihn körperlich ruiniert, er lieferte überzuckerte Balladen und laue Musicals. Mit dem Album „Songs From The West Coast“ schaffte er vor fünf Jahren ein Comeback. Mit der Glampop-Band Scissor Sisters arbeitete er an Songs, Robbie Williams beriet er beim Drogenentzug. Elton John ist jetzt 59, über sein 44. Album sagt er: „Es erzählt von meinem bisherigen Leben, von Erfolgen und dem Problem, damit fertig zu werden. Und wie man wieder auf die Beine kommt.“

Entstanden ist „The Captain & The Kid“ innerhalb von zwei Wochen in einem Theater in Atlanta. Elton John scheint unter einer Art Studio-Allergie zu leiden, er wollte keine Aufnahmen bei rotem Licht und keinen Kontrollraum. Ihm reichte eine siebenköpfige Band und die Texte, die Taupin wie immer vorab produziert hatte. „Wir saßen auf der Bühne“, erzählt der Sänger, „ich ließ das Equipment vor den Musikern aufbauen, schrieb die Songs und die Musiker haben sie gleich gespielt. Es sollte ein Band-Album werden, ohne Streicher und Firlefanz.“

Was das Album bietet, ist ein Schnelldurchlauf durch Elton Johns musikalischen Kosmos. Es gibt altmodischen Boogie-Woogie-Rock („Just Like Noah’s Ark“), vokalartistischen Weltentrückungs-Pop („The Bridge“), dylaneske Mundharmonika-Einlagen („I Must Have Lost It On My Mind“), schunkelselige Tränenzieher, bei denen sanfte Chorgesänge mit butterweichen Bassläufen unterlegt sind („Tinderbox“). „Um den Effekt hinzubekommen, der mir vorschwebte, mussten wir die Aufnahmebänder langsamer laufen lassen“, sagt John. „Da singen immer noch Menschen, aber sie klingen schon ein bisschen wie Engel.“

„Would’t Have You Any Other Way“, eine hinreißende Ballade, ist eine Ode an New York, die Stadt, die der Engländer spätestens liebt, seitdem er 1974 dort im Madison Square Garden mit John Lennon den gemeinsam komponierten Nummer-1-Hit „Whatever Gets You Though The Night“ zum Besten gab. „I can feel the magic / And read a million lips / And no matter what might happen / They’ll never sink this ship“, singt er nun. New York ist unversenkbar. „And The House Fell Down“ handelt vom Drogenmissbrauch, „Tinderbox“ beschreibt die Songwriter-Partnerschaft mit Taupin als inspirierend-explosive Pulverfass-Situation. Der religiöseste Song auf dem Album heißt „The Bridge“. Er erzählt vom Hinüberwechseln in eine andere Welt. Auf seinem Grabstein, sagt Elton John, könnte einmal stehen: „We crossed the bridge.“ Mit Bernie Taupin ist er schon lange unterwegs, und ihr Weg ist noch weit.

„The Captain & The Kid“ ist bei Mercury/Universal erschienen.

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