Kultur : Aussagen vor dem Liebesgericht

JAN SCHULZ-OJALA

Er ist das großgewordene Kind.Er ist einer, der in die Welt fällt - und darin tragisch scheitert und komisch gewinnt.Oder komisch scheitert und tragisch gewinnt.Er ist einer, dessen Gesicht - sinnlich wirkt es, ein bißchen rund schon in früheren Jahren und doch niemals glatt - nicht wirklich auffallen würde in der Menge.Und eben deshalb ist er einer, der sich in Rollen hineinmodellieren kann wie nur wenige: in Ex-Knackis und Priester, in Professoren und weinweibgesangslustige Nachwuchswissenschaftler, in den Amateurfilmer (im Film) und, noch nicht sehr lange, den Profi-Regisseur (im Leben).Im nahen Polen ist er so populär wie bei uns, sagen wir, Götz George, aber Polen ist eben auch fern, und deswegen ist er hier fast unbekannt.Macht nichts, dieser Tage kann man ihn, im Leben wie im Film, näher kennenlernen.

Ein Schlüsselfilm? Zum Beispiel jener "Amator" (Amateur), mit dem der 32jährige Krakauer Bühnenschauspieler 1979 seinen Durchbruch beim Film und Regisseur Krzysztof Kieslowski seinen ersten großen internationalen Erfolg feierte.Stuhr spielt den eher schüchternen Kombinatsfahrer Filip, der sich in der so ruhig vermuteten Mitte seines Lebens sehr leise, sehr stetig in einen politisch wachen Künstler verwandelt."Schuld" ist eine Super-8-Kamera, mit der er zunächst nur die ersten Lebenswochen seines Töchterchens dokumentieren will; schrittweise aber wird er hineingezogen in Auftragsarbeiten, wird zu einem kleinen Festival eingeladen, lernt den Regisseurs-Halbgott Zanussi kennen und eine schöne "Amatorka" namens Ania, eine bindungslose Verführerin.Der Prozeß ist irreversibel: Mit einem Filmprojekt eckt er beim Kombinatschef an, weshalb nicht er, wohl aber sein melancholischer Förderer, der Kultursekretär, kaltgestellt wird, irgendwann verläßt ihn auch seine Frau - sie hält es nicht aus, daß er die Wirklichkeit allenfalls noch durch die Kadrierung der Finger wahrnimmt.Eine Freundin: "Hat sie den Fernseher dagelassen?" - "Ja," sagt er.- "Dann wird sie zurückkommen." Irrtum: Sie verzichtet auf den Fernseher aus einer grausamen Rücksicht auf ihn, den längst von der Sucht nach dem visuellen Medium Gefressenen.

Am Ende von "Amator" richtet Stuhr, der seinen Filip mit beiläufiger Genauigkeit vom Dauer-Hickser-Pantoffelhelden in einen unter Schmerzen reifenden Menschen hinüberzaubert, die Kamera auf sich selbst - und so wird der Film um Erkenntnisgewinn und Glücksverlust zur Metapher auf die (notwendige) Neugierde jedweden Künstlers auf sich selbst.Wenn man so will, gilt diese Bewegung auch für "Historie milosne" (Liebesgeschichten), Stuhrs zweite eigene Regie-Arbeit, mit der er vergangenes Jahr in Venedig den "Fipresci"-Kritikerpreis gewann.Der in vier Geschichten aufgeteilte Episodenfilm mag nichts von der Person Stuhr verraten, wohl aber von der schauspielerischen Wandlungsfähigkeit, die ihn selbst als viermaligen Hauptdarsteller auszeichnet.Der komische Gefängnisinsasse, der steife Oberst, der von einer Studentin bedrängte Dozent, der Priester, der sich plötzlich mit einer halberwachsenen Tochter konfrontiert sieht - sie alle müssen sich vor einem seltsamen Liebesgericht verantworten."Historie milosne" ist ein von Kieslowski inspiriertes (und ihm gewidmetes) philosophisches Spiel um Wahrheit, Ausflucht, Lüge, Bekenntnis - und großartiges Schauspielerfutter für seinen Regisseur.

Beide Filme zeigt das Polnische Kulturinstitut in einer Werkschau, ergänzt um einen noch früheren Kieslowski, "Spokoj" (Gefährliche Ruhe, 1976), und Julius Machulskis Science-Fiction-Parodie "Sexmisja" (Sexmission, 1983).Was, wenn zwei Wissenschaftler sich 1991 für drei Jahre einfrieren lassen, aber erst 50 Jahre später, in einem ausschließlich von Frauen bevölkerten Universum erwachen? Jerzy Stuhr als der Genießer unter den beiden Wiederaufgetauten gibt hier dem Affen sachte Zucker, während er in "Spokoj" ein weiteres Mal als Suchender auftritt, in einem der ältesten Filmstoffe der Welt: Ex-Knacki kehrt ins normale Leben zurück und scheitert erneut ...und doch, so simpel ist es nicht.Nur einfach, wahr und klar, und nicht besonders dröhnend.Polnisch eben.

Polnisches Kulturinstitut, Karl-Liebknecht-Straße 7 in Mitte: Montag "Spokoj" um 19 Uhr, "Wodzirej" um 20 Uhr; Dienstag "Amator" um 20 Uhr; Mittwoch "Sexmisja" um 20 Uhr; Freitag "Historie milosne" um 20 Uhr (in Anwesenheit von Jerzy Stuhr)

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