Kultur : Außen neu, innen treu

Mission beendet: Wie Schinkels Sankt-Elisabeth-Kirche vor dem Verfall gerettet wird

Kaspar Renner

Birken sprießen aus Mauerkronen, auf dem Portal wuchern Fliederbüsche, Ahorn überragt die Traufe. Eine pittoreske Trümmerlandschaft, wie von Caspar David Friedrich entworfen. Darüber erhebt sich ein Kreuz: 1945 wurde die Sankt-Elisabeth-Kirche von einer Phosphorbombe getroffen, die Orgel ging in Flammen auf, Engel stürzten aus ihren Gemälden. Sankt Elisabeth fiel in einen Dornröschenschlaf, der fast ein halbes Jahrhundert dauern sollte.

Erst nach der Wende entdeckte man jene Vorstadtkirche wieder, die Karl Friedrich Schinkel 1835 am Rosenthaler Tor erbaute. Ihre architekturgeschichtliche Bedeutung lag auf der Hand: Als einziger von fünf Entwürfen, mit denen Schinkel die „wesentlichen Hauptformen für evangelische Kirchen“ erfassen wollte, wurde Sankt-Elisabeth realisiert. An der Frage aber, wie die Kirche in der Invalidenstraße im heutigen Bezirk Mitte zu restaurieren sei, schieden sich die Geister: Die einen wollten den klassizistischen Sakralbau zum diesjährigen Jubiläum Schinkels in vollem Glanz erstrahlen lassen. Die anderen wollten die romantische Ruine als Erinnerungsort für Krieg und Zerstörung erhalten. Durchgesetzt hat sich jetzt ein vom Architekten Klaus Block entwickelter dritter Weg: „Schinkel eins zu eins nachzubauen, wäre blanker Kopismus.“

So wurde die Kirche außen zwar vollständig saniert: Imitierter Sandstein bildet eine Halle mit sechspfeiligem Portal und fein ziselierten Giebelkronen. Innen aber beließ man das Gebäude im Rohzustand: Unverputzte Ziegelsteine fügen sich zu einem rötlich-orangen Ornament. „Die Alternative wäre gewesen, alles in Weiß zu streichen“, erklärt Block. Im fleischfarbigen Innenraum fühlt man sich wie Jona im Bauch des Wals, nur dass der Wal sehr knochig, gestrandet, mit Nägeln harpuniert und oben aufgesägt ist. Darauf gepflanzt wurde in den letzten Monaten eine kühne Metallkonstruktion, welche die abgebrannte Kassettendecke eher neu- als nachbildet. Jetzt konnten der Freundeskreis Kirchenruine St. Elisabeth und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sie erstmals vorführen.

Dass das, was von außen wie Sandstein aussieht, sich innen als Ziegelstein erweist, stößt Schinkels Ästhetik vom Sockel: „Kaisers Neue Kleider“, scherzt Block. Zugleich inszeniert er einen Bildersturm auf jene Rekatholisierung, die der Auftraggeber Friedrich Wilhelm III. ab 1816 in militärischer Manier von der Garnisonskirche Berlin aus einläutete. Neben dem Chor, der den reformatorischen Wortgottesdienst in einen autoritären Gesangsgottesdienst rückverwandeln sollte, wurde auch das Kruzifix wieder eingeführt. Schon Schinkel graute es vor dem „hangenden gemarterten Leichnam“, während der König, oberster Preuße und Protestant, seinen Erlöser gut vernagelt wissen wollte. An den rostigen Trägern und Metallstiften, die heute aus Sankt-Elisabeth ragen, hängt niemand mehr.

Und wo keine Bilder sind, wird der Raum selbst erfahrbar: „Dem Schinkel auf die Schliche kommen“, nennt Block dieses Konzept. Wer einige Schritte zurücktritt, dem zeigt sich die „reine Proportionenlehre“ des preußischsten aller preußischen Baumeister so deutlich wie in einem Drahtgittermodell. Der exakt austarierte, oft geraden Zahlenverhältnissen folgende Rhythmus von offenen und geschlossenen Flächen wird augenfällig. Aber auch ein kleines Detail: In jener Rundung, in der eine Fuge und ein Gesims sich vertikal kreuzen, werden Apsis und Portikus symmetrisch aufeinander bezogen, ohne die Geometrie von Halbkreis und Rechteck zu durchbrechen. Die Architektur feiert hier den Kult eines höchsten Wesens, das Mathematik heißt.

Es war der Geist der Vernunft aus der antiken Baukunst, der Schinkel zu den Vorstadtkirchen inspirierte. Ein „Fortschritt“ insofern, als die schwärmerischen Entwürfe seiner Jugend noch auf den gotischen Stil des Mittelalters zurückwiesen. Blocks Projekt war es nun, Schinkel „für die Gegenwart zu gewinnen“: also eine Renaissance der Renaissance im Zeichen der Moderne. Er übersetzte das Bauwerk in eine Zeit, in der die Kirchenarchitektur geometrische Klarheit, ja Radikalität sucht. Das zeigt sich in der Ausstellung „Raum und Religion“, die jetzt in der Sankt-Elisabeth-Kirche zu sehen ist. Da wird etwa das 2004 fertig gestellte „Ökumenische Kirchenzentrum Freiburg-Rieselfeld“ vorgestellt: ein monolithischer Block aus Beton, dessen vierzig Meter lange Längswände wechselweise nach innen und außen geneigt sind, um ein fein kalibriertes Spiel aus Licht und Schatten zu erzeugen.

Dass sich Sankt-Elisabeth mit Ausstellungen, Tanz und Konzerten zum Kulturraum wandelt, spiegelt auch eine Veränderung des Stadtviertels wider: Früher war die Gegend am Rosenthaler Tor ein industriell geprägtes Auffangbecken für ehemalige Leibeigene aus der Mark Brandenburg, Arme, Konkubinen und Säufer. Bürgerliche Zeitgenossen schlugen vor, eine Mauer um diesen „Sitz des Diebes-Gesindels“ zu ziehen. Ab 1848 blies man dann zur Reconquista: Wie die „unzivilisierten Wilden“ wollte man auch die Armen zum rechten Glauben bekehren. Die Vorstadtkirche war Teil einer Inneren Mission, wie Johann Heinrich Wichern sie vertrat: „Die Schlangengeburt der heimlichen Hurerei“, schrieb er, „ist keine der geringsten Brutstätten der rothen Republik“. Für den Theologen und seine Anhänger stand fest: Der Teufel ist Sozialdemokrat, ein Christenmensch der beste Untertan. Heute scheint Sankt-Elisabeth weniger mit den linken Parteien als mit dem Kulturbetrieb zu konkurrieren, in einem Viertel mit Clubs wie der Möbelfabrik, Galerien wie Giti Nourbakhsch und, vor allem, vielen Studenten, Künstlern, Selbstständigen.

„Wann ist es denn fertig?“, fragen viele, die in die Kirche kommen. Wenn es nach Block ginge, nie. Moderne Architektur beschreibe „keinen Zustand, sondern einen Prozess“. So dachten in gewisser Weise schon die Kirchenväter: Ein Gotteshaus kann nie vollendet sein, da es die himmlische Gemeinschaft nur präfiguriert. Und Schinkels Schicksal war es, einige seiner grandiosesten Projekte nicht zu Ende führen zu können: Man denke nur an die Verkuppelung der Sankt-Nikolai-Kirche in Potsdam. So wird auch Sankt-Elisabeth eine Baustelle bleiben. Baustellen aber sind, ganz profan, immer auch eine Frage des Geldes.

Raum und Religion – Europäische Positionen im Sakralbau, St.-Elisabeth-Kirche (Invalidenstr. 3, Mitte) bis 3. Mai, Di-Fr 15 - 19 Uhr, Sa /So 12 - 19 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben