Kultur : Außenhaut : Innenwelt

Katrin Wittneven

Rachel Whitereads Skulpturen sind Geheimnisträger. Schweigend füllen die großformatigen hellen Objekte "Untitled (Apartment)" und "Untitled (Basement)" den langgestreckten Ausstellungsraum des Deutschen Guggenheim in Berlin fast aus. Sie erinnern zunächst an konstruktivistische, minimalistische Skulpturen, ziehen den Betrachter magisch an, lassen ihn in ihrer massiven Geschlossenheit dennoch außen vor. Erst auf den zweiten Blick geben sie einen Teil ihrer Magie preis: Ein Fenster wölbt sich nach außen, Türrahmen und ein Lichtschalter werden als negative Formen erkennbar. Gussnähte und Trennlinien zwischen den Blöcken, aus denen sie zusammengesetzt sind, verraten ihr Prinzip.

Es ist der gegossene Abdruck des Obergeschosses und der Kellertreppe eines Hauses, des Londoner Wohn- und Arbeitsraums der Künstlerin. Ein eigens entwickeltes Gussverfahren ermöglicht Whiteread, Innen und Außen zu verkehren: die Haut der Skulptur umschließt den sonst leeren Raum. Erst vor kurzem bezog Whiteread das Gebäude im Bezirk Tower Hamlets in East London, das 1957, nachdem es im Krieg zerstört worden war, wieder aufgebaut wurde. Bevor sie es ihren Bedürfnissen entsprechend renovieren wird, schafft sie mit dem "Abdruck" der Räume dem zweckmäßigen, nüchternen Baustil der Nachkriesjahre ein Denkmal. "Mich interessieren die Ablagerungen, die Spuren, die von den verschiedenen Nutzungsperioden eines Gebäudes zurückbleiben". Das in den letzten Jahren leerstehende Haus hatte nach dem Krieg 30 Jahre als Synagoge und Rabbiner-Wohnung gedient, danach wurde es Lager einer Textilfirma. Wie auf einer Fotografie archiviert Whiteread die Struktur des Hauses, sie schafft Raum für seine Geschichte - "Transient Spaces", vergängliche Räume, ist der Titel der Guggenheim-Auftragsarbeit, die danach in Bilbao und New York zu sehen sein wird.

Mitte der achtziger Jahre beginnt die Kunststudentin Whiteread Objekte des alltäglichen Lebens als Gussformen zu benutzen, auf diese Weise Hohl- und Innenräume sichtbar zu machen. Das Innere eines Schrankes wird in ihrer Skulptur "Closet" (1988) zum abstrakten Monolithen, der dennoch düstere Kindheitserinnerungen evoziert. Unheimlich wirken auch die kalten Abgüsse gusseiserner Badewannen aus viktorianischer Zeit, die in ihren menschlichen Dimension an vergessen geglaubte Reinigunsrituale von Toten erinnern. Die irritierenden Wechsel von positiven zu negativen Formen machen das Unsichtbare sichtbar und berühren unser Unterbewusstsein. Diese fast körperliche Wirkung unterstützen Materialien wie Gips, Beton, weiches Gummi, Polyesterharz. Whitereads nächster Schritt war 1993 "Ghost", der Abguss eines ganzen Wohnzimmers, das sie in einem leerstehenden Londoner Reihenhaus fand: Negativformen von Türrahmen, Simsen und einem Kamin eingeschlossen. Whitereads Hinwendung zur Architektur stärkte die sozio-politische Komponente in ihrem Werk. Waren anfangs die Möbel Metaphern für Menschen, visualisierte der Kubus im Ausstellungsraum jetzt die Dimension unseres Lebensraums, er schien das Leben selbst zu mumifizieren.

Nur konsequent war ihr bisher aufwändigstes Projekt: Aus Beton formte die Bildhauerin den freien Wohnraum eines ganzen Abrisshauses-Hauses ab. "House" (1993) wurde als Symbol für die verschwindende Wohngegend im Londoner East End heftig diskutiert. Das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem, das alle Arbeiten Whitereads prägt, traf einen neuralgischen Punkt: Dass der in ihrer Form und Materialität bescheidenen Skulptur nur acht Monate Lebenszeit vergönnt waren, spaltete die englische Nation. Whiteread erhielt im gleichen Jahr den renommierten Turner-Preis. Auch ihre jüngsten Skulpturenprojekte, wie das Wiener Holocaust-Mahnmal, verweigern sich einer abschließenden Interpretation. Sie verbergen so viel, wie sie enthüllen. Ihr Geheimnis ist nie ganz aufzulösen.

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