• Außenminister zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik: Frank-Walter Steinmeier: „Man muss das Gespräch vor Ort suchen“

Außenminister zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik : Frank-Walter Steinmeier: „Man muss das Gespräch vor Ort suchen“

Vor Beginn des Forums "Menschen bewegen 2016" spricht Außenminister Steinmeier im Interview über Kulturpolitik in kriegerischen Zeiten, Bildungsarbeit und das Humboldt-Forum in Berlin.

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Fingerspitzengefühl. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (l, SPD) besucht am 17.10.2015 das Tehran Museum of Contemporary Art (TMOCA) in Teheran (Iran) und wird vom stellvertretenden Kulturminister des Iran, Ali Moradkhani, durch die Ausstellung geführt.
Fingerspitzengefühl. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (l, SPD) besucht am 17.10.2015 das Tehran Museum of Contemporary...Foto: picture alliance / dpa

Herr Außenminister, die Auswärtige Kulturpolitik ist in der Bundesrepublik gut organisiert, nicht viele Staaten leisten sich das. Wird Kultur in dieser Welt aber nicht zunehmend zum Kampfbegriff?
Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist seit Willy Brandts Zeiten die „dritte Säule“ der Außenpolitik. Sie steht neben der klassischen Diplomatie und der Außenwirtschaftspolitik als unverzichtbarer Bestandteil unserer Bemühungen um Frieden und Stabilität. Wir leben in einem Zeitalter der Überlagerung von Konflikten durch vorgeblich religiöse oder pseudo-kulturelle Ideologien. Gegen diese Ideologisierung hilft nur Differenzierung: genaueres Hinschauen und -hören und das heißt vor allem gemeinsame kulturelle Arbeit und Bildungsarbeit. Sinnbildlich hierfür stehen die Goethe-Institute und unsere Schulen im Ausland. Es geht um das gemeinsame Erarbeiten, das Ermöglichen von und den Zugang zu Bildung und Kultur in unseren Partnerländern, aber auch hier bei uns.

Sie waren gerade in Saudi-Arabien, bei einem Kulturfestival mit deutscher Beteiligung. Kann man mit Ländern, die Schriftsteller foltern und zum Tode verurteilen, in einen kulturellen Dialog treten?
Natürlich muss ein deutscher Außenminister in dieser Region die Probleme deutlich ansprechen. Es ist doch absolut selbstverständlich, dass uns Prügelstrafe und Todesurteile gegen Künstler und Aktivisten nicht gleichgültig sind. Meine Erfahrung ist, dass man oft im vertraulichen Gespräch mehr für die Betroffenen erreicht als durch Verlautbarungen über die heimischen Medien. Wenn man etwas bewirken möchte, geht das eben nicht von der Sofaecke aus. Man muss das Gespräch vor Ort suchen. Für mich ist klar: Wenn wir diejenigen unterstützen wollen, die für gesellschaftliche Öffnung und Wandel arbeiten, geht das nicht, indem wir Kontakte abbrechen und Reisen absagen.

Der Schutz von Kulturgütern in Syrien, in Irak, in Mali hat nicht funktioniert. Da hilft im Grunde nur militärische Gewalt?
Wer wie der IS religiöse Heimstätten und Kulturgüter zerstört, will Menschen ihrer Identität berauben und eine offene, humane und vielfältige Gesellschaft verhindern. Deshalb sind Kulturgüterschutz und Kulturerhalt Schwerpunkte unserer Arbeit, gerade mit Blick auf Syrien. Mit dem Projekt „Stunde Null“ wollen wir dazu beitragen, die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau von Kulturstätten in Syrien zu schaffen. So bildet das Deutsche Archäologische Institut Restauratoren und Archäologen aus und bewahrt gemeinsam mit dem Museum für Islamische Kunst syrische Kulturgüter durch digitale Registrierung vor dem Vergessen. Zugleich leisten wir durch die Abrufbarkeit der Bilder im Netz einen Beitrag zur Bekämpfung des illegalen Kunsthandels. In Zusammenarbeit mit der Gerda Henkel Stiftung haben wir geholfen, in Mali antike Handschriften dem Zugriff der Terroristen zu entziehen. Die Vorstellung, dass wir etwa durch militärisches Engagement Kulturgüter in Syrien oder Irak retten, ist dagegen wenig realistisch.

In Russland zum Beispiel werden die Bedingungen für auswärtige Kulturinstitute schwieriger. Wie können Sie helfen?
Generell müssen wir die Erfahrung machen, dass Kulturarbeit an manchen Orten in der Welt nicht unbedingt leichter wird. Weil Sie Russland ansprechen: Die Goethe-Institute, aber auch die deutschen Stiftungen, allen voran die Bosch-Stiftung, leisten vor Ort mit ihrer Kultur- und Spracharbeit seit vielen Jahren hervorragende Arbeit, die von der russischen Bevölkerung außerordentlich geschätzt wird. Sie sind ein Eckpfeiler unserer bilateralen Beziehungen und wir setzen uns dafür ein, dass sie gut arbeiten können. Denn gerade angesichts der aktuellen politischen Lage sind Kontakte mit Russland von Kultur bis Wissenschaft noch wichtiger geworden, um Brücken nicht abreißen zu lassen und Stereotype zu überwinden.

Der Kulturbegriff allgemein bei uns erweitert sich, ist stark politisch aufgeladen, wenn man nur einmal in die Theater schaut. Was bedeuten Ihnen ästhetische Fragen?
Sehr viel! Wenn ich von Freiräumen spreche, dann meine ich ausdrücklich Räume, die die Freiheit von Kunst und Wissenschaft schützen. Genau deswegen ist die kulturelle Infrastruktur, sind Goethe-Institute, Schulen, Theater oder Museen ja auch so wichtig – übrigens hier bei uns ebenso wie im Ausland. Zugleich verbindet sich mit dem Schutz der künstlerischen und wissenschaftlichen Freiheit aber auch ein politischer Auftrag, nämlich zuzuhören, zuzuschauen und als Politiker die gesellschaftlichen Dimensionen, die Träume und Traumata unserer Partner in der Welt zur Kenntnis zu nehmen, mit diesen zu arbeiten und am Aufbau einer lebendigen Zivilgesellschaft mitzuwirken. Genau dies meine ich, wenn ich von einem sozialen Kulturbegriff spreche.

Wie unterscheiden sich nationale und internationale Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung?
Die künstliche Trennung von national versus international, von Innen und Außen ist mittlerweile überholt. Beides muss zusammen gedacht werden, damit wir einen Beitrag leisten können zu einer Welt, die sich kooperativ und friedlich entwickelt. Diese Art der Kooperation setzt aber eben auch voraus, dass man einen eigenen Standpunkt hat, vermittelt und dafür auch streitet. Erst aus einem offenen Dialog entsteht wahre Gemeinsamkeit. Darum setzen wir auf die grenzüberschreitende Koproduktion von Wissen und Kultur. Ein Beispiel dafür ist der von Roman Paul produzierte saudische Film „Das Mädchen Wajda“. Wie Wajda sich ihren persönlichen Freiraum schafft, illustriert eindrucksvoll, dass Kultur einen gemeinsamen Fundus von Erzählungen schaffen kann.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Ihrem Amtssitz entsteht in Berlin das Humboldt-Forum. Was versprechen Sie sich von dieser neuen Adresse – es soll ja nicht nur ein Museum, sondern auch ein Haus des Dialogs der Weltkulturen werden?
Das Humboldt-Forum bietet die große Chance, unseren Blick auf die Welt neu zu definieren, um nachzuempfinden, was an anderen Orten der Welt geschieht und vor allen Dingen warum. Mit unseren Partnern in der Auswärtigen Kulturpolitik können wir helfen, die Vielschichtigkeit der Welt in das Humboldt-Forum zu holen. Die gesamte Erfolgsbreite und interkulturelle Kompetenz unserer Mittler und allen voran des Goethe-Instituts wollen wir hierfür nutzbar machen. Wenn es gelingt, das Humboldt-Forum zu einer internationalen Plattform zu machen, in der zentrale Fragen von Identität und Gesellschaft verhandelt werden, ist das zugleich ein wichtiger Beitrag zur eigenen Selbstaufklärung. Genau dieser Ansatz liegt auch der Langen Nacht der Ideen am 14. April zugrunde. Berlin verfügt ja über eine ganze Reihe hervorragender kultureller Orte, Ansätze und Institutionen. Hier hat die Zusammenarbeit von Bund und Land Berlin wirklich Hervorragendes entstehen lassen. Im Zusammenspiel von Innen und Außen wollen wir gemeinsam versuchen, einige der drängenden Fragen unserer Arbeit sozusagen in der kulturellen Praxis zu bearbeiten und daraus auch Rückschlüsse für unsere Kultur- und Bildungspolitik im Ausland zu ziehen.

Finden Sie bei Ihrer Arbeitsbelastung die Zeit zu Lektüre, Museums- oder Konzertbesuchen?
Na klar ist mein Terminplan eng, erst recht wenn der Takt von Krisen und Konflikten diktiert wird wie in diesen Tagen. Aber ich lege großen Wert darauf, dass gelegentlich auch ein Theaterbesuch oder eine Ausstellung untergebracht wird – nicht immer in Berlin oder Deutschland, aber vor kurzem zum Beispiel in Teheran. Dort sind seit kurzem erstmals wieder die jahrzehntelang verborgen gehaltenen Kunstschätze des „Tehran Museum of Contemporary Art“ zu sehen. Ich hoffe, dass es gelingt, diese einmalige Sammlung bald auch nach Berlin zu holen.

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