AUSSER KONKURRENZ : Die Zeit und das Fenster

Fahrige Handschrift eines Meisters: „The Dust of Time“ von Theo Angelopoulos handelt von Heimatslosigkeit und enttäuscht - ein bisschen.

Jan Schulz-Ojala
Angelopoulos
Wiedersehen in Tempelhof. Der griechischstämmige amerikanische Regisseur (Willem Dafoe) und seine Mutter Eleni (Irène Jacob). -Foto: Berlinale

Die großen Globalisierungsfilme auf dieser Berlinale, fraglos allesamt auf ihre Weise Schwergewichte, tragen zugleich bleischwer an ihrem Bedeutsamkeitswillen. Mal jagen sie, mal reisen sie gemächlich durch die Welt, doch stets führen sie weltumspannende Botschaften im Laderaum. Tom Tykwers „The International“ erhob seinen Drehbuchzeigefinger gegen die Allmacht der Banken, Hans-Christian Schmids „Sturm“ setzte sich so mahnend wie sorgfältig mit der paneuropäischen Schlussstrichsehnsucht in Sachen Balkankriege auseinander. Und während die beiden Deutschen ihre Mission im Gewande des Polit-Thrillers verbargen, wählte der Schwede Lukas Moodysson für seine Predigt gegen den Familienzerfall die Form der Soap, die genrebedingt mehr in die Breite denn in die Tiefe ging.

Auch in Theo Angelopoulos’ „The Dust of Time“ werden in allerhand Ländern allerhand Sprachen gesprochen, aber die Filme des mittlerweile 74-Jährigen sind ein Fall für sich. Der Welt-Grieche variiert ein immerselbes universelles Thema: Vordergründig geht es in seinen bildgewaltigen Epen meist um die Wirren der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, doch eigentlich verhandelt er nichts Geringeres als Heimatlosigkeit, überall. Seine Helden sind Ruhelose, Wanderschauspieler, blicken wie Odysseus auf ihre zurückliegenden und bevorstehenden Lebensstrecken und kommen doch niemals an. Ja, vielleicht ist es das einzige Glück des Theo Angelopoulos, seine Unglücklichen immer wieder neu zu erfinden.

Große Erwartungen auf majestätisch gleitende Kamerafahrten, auf unvergessliche Statistenchoreografien, auf überwältigende Bildfindungen für Schmerz und Einsamkeit weckte auch „The Dust of Time“: Doch auch ein Angelopoulos kann überraschen. Nur: Muss ein Meister, der Erwartungen enttäuscht, nicht zugleich enttäuschen? Mag sein, dass er selber aus seinem Luxusgefängnis der Überlangfilme und Übergroßbilder ausbrechen wollte: Sein schneller geschnittenes, handlungsbetonteres und auch dialogbedürftigeres neues Werk jedenfalls lässt vieles vermissen, was Angelopoulos-Filme auszeichnet – freilich ohne ihnen substanziell Neues hinzuzufügen. Die Handschrift, gewiss, ist zu erkennen. Aber sie ist fahrig geworden.

In drei Zeitebenen siedelt Angelopoulos seine Story um einen amerikanischen Regisseur griechischer Herkunft an – Willem Dafoe spielt diesen doppelt heimatlosen Helden wie einst Harvey Keitel, der im „Blick des Odysseus“ auf der Suche nach den ersten Filmrollen der Geschichte war. An der Jahrtausendwende dreht er einen Film über seine Eltern Spiros (Michel Piccoli) und Eleni (Irène Jacob) und begegnet ihnen in Berlin wieder. Ihre Liebesgeschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, führt Spiros in die USA, Eleni in die Sowjetunion unter Stalin und ins sibirische Arbeitslager, wo sie dem deutschen Juden Jacob (Bruno Ganz) wiederbegegnet. Die dritte Epoche siedelt in der ungefähren Mitte der anderen: im Kanada der siebziger Jahre. Dorthin flüchtete sich Spiros’ und Elenis in Amerika aufgewachsener Sohn, eben jener spätere Regisseur, um seiner Einberufung nach Vietnam zu entgehen.

Oder ist das alles nur geträumt? Sind das Szenen für den Film-im-Film? Schließlich ist Angelopoulos, bei dem der Blick einer Figur aus dem Fenster umstandslos in einen anderen Kontinent und ein anderes Zeitalter führen kann, nichts fremder als realistisches Erzählen. In „The Dust of Time“ aber springt die Geschichte, der weitgehend die großen visuellen Angel- und Ruhepunkte fehlen, zunehmend verwirrend und ermüdend so lange zwischen der einen, der anderen und der dritten Zeit- und Raumebene hin und her, bis das Geschehen in eine seltsame Beliebigkeit driftet. Bald kommt es dem Zuschauer so vor, als sei hier ein auteur auf Autopilot.

Während die Rückblenden in die Sowjetunion – Massen vor einer Stalinstatue bei Verkündung seines Todes, Lagerinsassen, die sich in klirrender Kälte eine gewaltige Holztreppe hochquälen – zuweilen von bezwingender Kraft sind, dehnen sich die nahezu ereignisfreien Szenen vor allem in der Berliner Episode so sehr, dass sie unmittelbar in Banalität zerfallen. Für Minuten etwa halten sich die Film-Legenden Michel Piccoli, Irène Jacob und Bruno Ganz, die doch bedeutsame Halbjahrhundertrollen zu schultern haben, beschäftigungslos im Vorweihnachtsgeschäft auf der Treppe des U-Bahnhofs Wittenbergplatz auf. Und wirken dabei allenfalls wie Touristen, die sich zu fein sind, Passanten nach dem Weg zu fragen. Nur: Seit wann geht es in einem Angelopoulos-Film um den kürzesten Weg von A nach B?

13.2., 15 Uhr (Friedrichstadtpalast) und 17 Uhr (Urania)

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