Ausser Konkurrenz : Jammern im Paradies

Sittenbild und Armutszeugnis: Der Omnibus-Film „Deutschland 09“ zeigt die Sichtweisen von 13 deutschen Regisseuren auf ihr Heimatland.

Christiane Peitz
Führmann
Nervöser Reisender. Benno Führmann in Tom Tykwers "Feierlich reist". -Foto: Berlinale

Ein Mammutprojekt, anspruchsvoll, aufwendig, teuer. 13 Regisseure haben mitgemacht, darunter Hochkaräter und Hoffnungsträger, von A wie Fatih Akin bis W wie Hans Weingartner. Ein Versprechen: Das Beste aus deutschen Filmlanden könnte es werden, ein Stimmungsbild in 150 Minuten, ein Bekenntnis, ein Manifest möglicherweise. Oder wenigstens ein Abenteuerspielplatz für die Nachgeborenen der Kluges, Schlöndorffs und Fassbinders, der Generation „Deutschland im Herbst“. Mit 56 ist Dominik Graf der älteste „Deutschland 09“-Regisseur, die jüngsten sind Nicolette Krebitz (37), Christoph Hochhäusler (36) und Akin (35). Und weil von Arte über den Kulturstaatsminister bis zum Deutschen Filmförderfonds so ziemlich alle ihr Subventionsscherflein beigetragen haben, konnte, wer wollte, auch klotzen.

Hat aber keiner – was die Fantasie betrifft. „Deutschland 09“? Deutschland Null Nix, möchte man seufzen. Eine triste Momentaufnahme ist es geworden und dazu ein seltsame Zeitreise zurück in eine Ära, als der Autorenfilm seine Protestnoten gegen den Weltenlauf noch angestrengt und unbeholfen formulierte. Da tröstet höchstens der Gedanke, dass eine Nation, die so belanglose, beliebige Ansichten produziert, unglaublich saturiert sein muss. Wer das Unbehagen am eigenen Land derart krampfhaft artikuliert, der hat wohl keine ernsthaften Probleme. Jammern im Paradies.

Der Reihe nach. Angela Schanelec lässt die Sonne aufgehen, zeigt Stadt, Land, Fluss, na schön. Dani Levy macht Straßenumfragen, zu Deutschland fällt den Leuten „Kartoffel“ ein und „Katastrophe“, das ist immerhin lustig. Dass Levy nach Einnahme einer Pille gegen Deutsch-Depression seinen kleinen Sohn davonfliegen sieht, der Kanzlerin direkt auf den Tisch und bis zu den Neonazis nach Brandenburg, ist ebenfalls mit einer Prise Selbstironie gewürzt, die man in fast allen anderen Beiträgen vermisst.

Fatih Akin stellt das Interview nach, das der deutsch-türkische Guantanamo Häftling Murat Kurnaz der „Süddeutschen“ gab, Frank-Walter Steinmeier kommt dabei gar nicht gut weg. Nicolette Krebitz lässt eine 16-jährige Berlinerin mit Ulrike Meinhof (Sandra Hüller) und Susan Sontag (Jasmin Tabatabai) diskutieren; während Meinhof von Befreiung und Sichfinden raunt, hat die Göre von heute „einfach keine Lust, mich Scheiße zu finden“. Sylke Enders inszeniert ein Suppenküchen-Dramolett über Hunger und Armut in Deutschland; Sepp Bierbichler stürmt als amoklaufender Nationalkonservativer die „FAZ“: Der Mann kann nicht ertragen, dass die Zeitung neuerdings auf die Frakturschrift über den Leitartikeln verzichtet – ein Witz, den Hans Steinbichler in nur wenigen Minuten totreitet. Tom Tykwer schickt den Business-Reisenden Benno Fürmann rund um die Welt: Allüberall identische Hotels, Designerläden, Starbucks- Filialen. Deutschland global, Deutschland sozial, so geht’s weiter.

Schöner Land und Nazis, RAF, miese Laune und Terror-Hysterie: Die Jungen, so alt, so altbacken. Wenn Hans Weingartner den Überwachungsstaat anprangert (und den Fall Andrej Holm aufgreift), greift er im Ton aber auf den Verfolgungswahn der Achtzigerjahre zurück. Wenn Christoph Hochhäusler ein mysteriöses Science-Fiction-Stillleben aus Fotos und Erinnerungsstücken collagiert, denkt man an den frühen Chris Marker. Und wenn Wolfgang Becker die Nation in eine marode Klinik steckt, in der die Subventionsblase platzt und die Marktwirtschaft dahinsiecht, zündet in seiner Groteske keine Pointe. Politkabarett im Krankenhaus, blutige Splatter-Operationen, man denkt an Otto und Dieter Hildebrandt. Ist das alles, was Becker fünf Jahre nach „Good Bye, Lenin!“ zu bieten hat?

Bleiben die Dokumentar-Kurzfilme. Romuald Karmakar befragt den Porno Barbesitzer Mahmoud nach den Sexualpraktiken der Kundschaft und dem Niedergang der Sexbranche seit der Wende. Deutschland privat – ein skurriles, erhellendes Sittenbild. Dominik Graf berichtet vom Verschwinden der frühen Nachkriegsarchitektur, blickt noch einmal auf die maroden Häuserfassaden und schimpft auf die Stadtschlösschen-Restauration – ein melancholischer Nachruf. Und Isabelle Stever beobachtet Schüler bei der Klassenratsrunde. Marco will nicht mehr Völkerball spielen, der Grund: Die anderen nennen ihn Loser.

Deutschland mag nicht mehr Völkerball spielen, schmollt und will aufgemuntert werden. Wie sagte Fassbinders Mutter in „Deutschland im Herbst“, diesem Dokument der Angst und Verstörung? Ein autoritäter Herrscher wäre gut, einer der gut und lieb und freundlich ist. Die 13 Kurzfilme 30 Jahre danach verraten die gleiche Sehnsucht: Dass einer kommt und sich kümmert, mit heilender Hand.

14. 2., 12 und 15 Uhr (Friedrichstadtpalast), 22 Uhr (Urania), 15. 2., 15 Uhr (Friedrichstadtpalast)

Was den Leuten zu Deutschland einfällt? Dani Levy fragt nach:

„Kartoffel“ und „Katastrophe“

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