Kultur : Außer Rand und Band

Das Performance-Festival „In Transit“ im Berliner Haus der Kulturen

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Der Trick mit dem Blick. Der Hongkonger Performer Dick Wong, der am Sonnabend um 18 Uhr im HKW auftritt. Foto: Yvonne Chan
Der Trick mit dem Blick. Der Hongkonger Performer Dick Wong, der am Sonnabend um 18 Uhr im HKW auftritt. Foto: Yvonne Chan

Ann Liv Young hat diesmal einen Schwanz, einen silbernen Meerjungfrauenschwanz. Barbusig räkelt sie sich in einem Gummibassin und lässt ihre Flosse aufs Wasser klatschen. Angélica Liddell lässt ständig die Hosen runter und feuert einen Hassmonolog ab. Die beiden bad girls demonstrieren bei der Eröffnung des Berliner Performance-Festivals „In Transit“ dann noch, wie man seine Assistenten gnadenlos schikaniert. Wider Erwarten werden die Zuschauer nicht behelligt.

„Spectator“ lautet das Festivalmotto im Haus der Kulturen der Welt. Kurz und heftig soll es werden; die größte Überraschung ist jedoch, dass „In Transit“ überhaupt stattfindet. Zuletzt schien es, als ob die Leitung des Hauses das nicht sonderlich geliebte Festival klammheimlich beerdigt hätte. Um die Reihe zu reanimieren, wurde nun der frühere Schaubühnen-Dramaturg Jens Hillje engagiert. Gemeinsam mit dem Kurator Tang Fu Kuen aus Singapur und der Dramaturgin Irina Szodruch hat er ein Programm auf die Beine gestellt, bei dem vor allem die Frage nach Identitäten verhandelt wird. Aber auch die Politik der Blicke rückt in den Fokus. Wer schaut wen wie an? Das Motto „Spectator“ deutet auch an, dass die Performer heute stärker die Kommunikation mit den Zuschauern suchen – bis zur gezielten Provokation, der verbalen oder emotionalen Attacke.

„In Transit“ war ursprünglich gegründet worden, um nicht westliche Kunst zu präsentieren und die Dominanz des hiesigen Kunstdiskurses zu brechen. Bis zuletzt war es ein Experimentierfeld. Auch Hillje tritt nun nicht mit der paternalistischen Haltung des Entdeckers auf, der unbekannte Künstler aus fernen Ländern anschleppt und damit immer auch die Sehnsucht nach dem Exotischen bedient. Kein Proporzdenken bestimmt den Spielplan, obwohl die asiatischen Performer stark vertreten sind. Das Dreiergespann rühmt sich außerdem damit, alle bösen Mädchen und Buben der internationalen Performance-Szene eingeladen zu haben. Es tut sich aber keinen Gefallen damit, sie in die Krawallecke zu stellen. Wenn ein Performer ständig außer Rand und Band ist, kann das sehr ermüdend sein – wie Angélica Liddells Auftritt beweist.

Die Spanierin tobt aufgeputscht über die Bühne, feuert sich selbst mit RicardoRufen an und wirkt doch bald wie ein angezählter Boxer. Die Performerin erschafft eine weibliche Version von Shakespeares „Richard III.“, was vor allem bedeutet, dass sie einen Zusammenhang von Körper und Macht behauptet. Ihr Geifern geht in das Quengeln eines Kindes über, und auf dem Krankenbett bäumt Ricardo sich auf, als würde in seinen Eingeweiden der Teufel nisten. Gewaltige Textmassen wollen entsorgt werden, doch der vergiftete Monolog wird heruntergerattert. Liddells Ricardo ist die Inkarnation alles Bösen: Er steht für Hitler, Franco, die Kolonialisten oder die weißen Freier asiatischer Huren. Weil alle Gräuel unterschiedslos vermengt werden, verliert die Performance jede politische Schlagkraft.

Ann Liv Young geht dann baden mit ihrer „Mermaid Show“. Die New Yorkerin verwandelt sich in eine Meerjungfrau, behauptet, sie sei eine eiskalte Verführerin, kann sich in ihrem geschuppten Fischkostüm jedoch kaum bewegen – was ziemlich komisch anzusehen ist. Schwerfällig robbt sie über den Boden, richtet sich mit der Flosse auf, beißt einen rohen Fisch in Fetzen. Doch Young hat vor allem mit ihrem Schwanz und den vier Assistenten im Matrosenkostüm zu kämpfen. Was echte, was inszenierte Panne ist, lässt sich kaum unterscheiden. Eine erstaunlich zahme Wasser-Performance.

Ann Liv Young kehrt am Sonnabend noch einmal als Südstaaten-Schlampe auf die Bühne zurück. „Sherry Show“ heißt der provokante Act, in dem sie auf das Publikum losgeht, um peinliche Geständnisse zu erpressen. Außerdem in den nächsten Tagen: die australische Company Branch Nebula, die in „Sweat“ die Dynamik zwischen Bedienten und Bediensteten erforscht, „Libido“ von Dave St. Pierre, der für seine wüsten Bühnenorgien bekannt ist, und Ming Wong aus Hongkong. Er borgt sich gern fremde Identitäten und huldigt in „Biji Diva Live!“ der türkischen Sängerin Bülent Ersoy, die als Transgender-Queen für Aufsehen sorgte.

Haus der Kulturen der Welt, bis 18. Juni, Infos: www.hkw.de

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