Kultur : "Ausstand": Der Wurm und sein Kondom

Günther Grack

Der Kopf des Kapitalisten, dem Ermordeten vom Leib abgetrennt und in einem Plastikbeutel als blutige Trophäe davongetragen - es ist eine makabre Pointe, auf die "Ausstand" hinausläuft, "ein Schaustück" von Heiko Buhr, das den Wettbewerb des Deutschen Theaters Berlin um den Heinz-Dürr-Stückepreis gewonnen hat. Heinz Dürr, der kunstbegeisterte Unternehmer, hatte den Preis 1999 ausgelobt, um junge Dramatiker herauszufordern, Themen der Gegenwart zu behandeln. Das Ergebnis hat sich Dürr, zugleich Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Deutschen Theaters, nun zusammen mit dem Premierenpublikum in den Kammerspielen angesehen - ohne den Kopf zu schütteln über das, was da dem Standesgenossen auf der Bühne mit seinem Kopf geschehen ist.

Der Begriff "Ausstand", mit dem der Debütant Heiko Buhr sein Stück betitelt, bezeichnet nicht nur "Streik", sondern auch "ausstehende Geldforderung" und "Ausscheiden aus einer Stellung". Es sind die letzteren beiden Bedeutungen, die auf dieses "Schaustück" zutreffen. Will es wirklich zur Schau stellen, was Arbeitslosigkeit bedeutet? Eingeteilt ist es in vier Szenen, die in einer Kneipe spielen, und drei Intermezzi, die jeweils ein Jahr zuvor in die Wohnung eines Kraftfahrers, das Pissoir einer Werft, das Büro eines Bauunternehmers zurückblenden. Die Kneipe wird von Jürgen, einem ehemaligen Boxer, und Johanna, einer ehemaligen Prostituierten, geführt, ein Laden, der schlecht läuft, sieht er doch immer nur dieselben wenigen Gäste: Arbeitslose wie Manfred, den ehemaligen Schweißer, und Paul, den ehemaligen Kraftfahrer, und noch einen Ehemaligen, nämlich Gernot, der einmal Buchhalter jenes Bauunternehmers war und sich jetzt freischaffend mit buchhälterischen Tipps und Tricks durchs Leben schlägt. Gernot will etwas Besseres sein - fürs Grobe hält er sich einen ihm hündisch ergebenen Adlatus, den Blödmann Wilhelm, genannt Wurm. "Hier beißt niemand", sagt Gernot zu Manfred und Paul, die den Wurm ängstlich beäugen, "jedenfalls nicht ohne Befehl." Später, zum blutigen Ende, wird sich erweisen, dass Gernot sehr wohl auf den Biss seines menschlichen Kampfhundes vertrauen kann ...

"Etwas vom frühen Kroetz, gepaart mit dem Parabel-Leichtsinn eines Dürrenmatt", sieht Klaus Völker in dem Theatererstling des 1964 geborenen Autors. Völker hat zusammen mit den drei anderen Juroren des Heinz-Dürr-Stückepreises, der Schauspielerin Jutta Hoffmann und den Dramaturgen Hermann Beil und Dieter Sturm, Buhrs "Ausstand" aus Hunderten von Einsendungen ausgewählt. Es dürfte keine leichte Wahl gewesen sein. Die Kombination Kroetz-Dürrenmatt, die Völker in dem Preisträgerwerk erkennt, deutet eher auf eine Zerreißprobe hin - eine Befürchtung, die sich in Bruno Klimeks Inszenierung bestätigt: Dürrenmatt, so zeigt sich im Verlauf der 75-minütigen Aufführung, geht Kroetz mörderisch an die Kehle, die Groteske siegt über den Realismus, die individuelle menschliche Not, die da jemand leidet, verschwindet in der monströsen Übertreibung.

Das Thema Arbeitslosigkeit, die bittere Erde, aus der die böse Blume des Verbrechens, der Einbruch in die Villa des Bauunternehmers, erst erwächst, es erscheint hier unterbelichtet, und zwar in Klimeks Regie noch stärker als in Buhrs Text. Der Schauspieler Jürgen Huth, der als entlassener Kraftfahrer Paul so ausführlich wie anschaulich die Misere seiner Existenz beklagt, kommt hier, im Klamauk der Kneipe, nicht recht zu Wort, die Figur, als besoffener Traumtänzer auf schwankendem Barhocker denunziert, wird nicht ernst genommen. Auf des Autors Konto wiederum geht die Leichtfertigkeit, mit der die sexuelle Frustration der von ihren Frauen verschmähten arbeitslos Herumhängenden karikiert wird: Die Szene, in der Gabriele Völsch als Kellnerin die Hure hervorkehren und auf der Musikbox sitzend die Beine breit machen muss, verrät, dass es Buhr hier vor allem auf den schamlosen Effekt ankommt. Und Klimek setzt noch eins drauf, indem er den Wurm animiert, sich das rosa Kondom über die hoch erhobene Faust zu streifen - auch für die schwärzeste Komödie sollte es eine Grenze der Belastbarkeit geben.

"Wollte jemals ich euch Arges?", lässt sich Gernot einmal vernehmen, und sein Darsteller Hubertus Hartmann brilliert in den pikierten Posen, die er diesem arroganten Ganoven gibt. Uwe Fischer wieselt als sein Wurm herum, am Ende mit blutig verschmiertem Maul - augenscheinlich hat er an dem auszubeutenden Bauunternehmer, den Volkmar Kleinert mit Wurfpfeilen spielen ließ, ohne sich gegen den Kampfhund zu wappnen, ganze Arbeit geleistet. "Ein persönliches Erinnerungsstück" nennt Gernot das im Plastikbeutel ruhende Haupt seines Arbeitgebers - wir Zuschauer tun besser daran, es alsbald zu vergessen .

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