Kultur : Aussteigen in der fünften Dimension

Masha Gessens Recherche über das rätselhafte Mathematik-Genie Grigori Perelman.

Marianna Lieder

Am 11. November 2002 publizierte der damals 36-jährige Mathematiker Grigori Perelman den ersten von drei zusammenhängenden Artikeln auf der öffentlich zugänglichen Wissenschaftsdatenbank arXiv.org. Er mailte ein Abstract seiner Arbeit an eine Handvoll Kollegen und ließ dem Geschehen seinen Lauf. Kurz darauf beanspruchte Perelmans unspektakulär wirkendes Papier die Aufmerksamkeit der mathematischen Masterminds aus aller Welt. Sie benötigten einige Jahre, um die Gedankengänge nachzuvollziehen. Dann aber feierte die Zunft ein neues Genie. Perelman war gelungen, worüber sich die größten Mathematiker seit einem Jahrhundert die Köpfe vergeblich zerbrachen: Er hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen – und damit, dem US-amerikanischen Clay-Institut zufolge, eines der sieben mathematischen „Welträtsel“ gelöst. Worum es dabei geht? Stark vereinfacht ausgedrückt: um die Frage, ob ein Körper, der – anders als etwa ein Donut – kein Loch hat, immer zu einer Kugel umgeformt werden kann, ganz egal, ob diese Umformung in einem Raum von drei, vier, fünf oder mehr Dimensionen stattfindet. Mit Problemen dieser Art befasst sich die Topologie – eine fürs Normalbewusstsein kaum durchschaubare Teildisziplin der Mathematik.

Zu Bekanntheit über die Grenzen seines Fachs hinaus gelangte Perelman allerdings, weil er selbst zum Rätsel wurde: Als man ihm 2006 in Madrid die Fields-Medaille – das Pendant zum nichtexistenten Nobelpreis für Mathematik – verleihen wollte, lehnte er ohne Erklärung ab. Vier Jahre später erregte Perelman mit seiner Verweigerungshaltung erneut Aufsehen. Eine Million US-Dollar hatte das Clay-Institut für jeden vorgesehen, der eines der sieben Welträtsel löste. Perelman schlug die Prämie aus. Dabei hätte er das Geld gebrauchen können: Im Dezember 2005 hatte er seine Forschungsstelle am Steklow-Institut in St. Petersburg gekündigt. „Ich bin von der Mathematik enttäuscht und möchte etwas anderes machen“, lauteten die Abschiedsworte an den Institutsleiter.

Danach lebte Perelman ohne geregelte Einkünfte mit seiner Mutter in einer Plattenbauwohnung am Stadtrand. Verwackelte Youtube-Videos zeigen ihn mit langem, schütterem Haar und allmählich grau werdendem Rauschebart, im Supermarkt, beim Nachmittagsspaziergang, wie er aus der Wohnung tritt, kurz ärgerlich in die ungebetenen Kameras blickt, sich stumm die Wollmütze ins Gesicht zieht und davoneilt.

Auch Masha Gessen erhielt von Perelman keine Reaktion auf ihre Anfragen. Dennoch ließ sich die russisch-amerikanische Journalistin nicht von ihrem Vorhaben abbringen: „Was unterschied Grigori Perelmans Geist von dem der anderen? Warum war ausgerechnet er in der Lage, die Poincaré-Vermutung zu beweisen? Warum gab er, nachdem ihm dies gelungen war, die Mathematik und auch sonst fast alles auf?“, fragt sie in der Einleitung zu ihrem Buch „Der Beweis des Jahrhunderts“. Antwort erhoffte sie sich von Perelmans einstigen Weggefährten. Sie befragte Mitschüler, Lehrer, Kollegen, Konkurrenten, Förderer, Jurymitglieder. Außerdem eignete sich Gessen in mühsamen Privatstunden die Grundlagen der Topologie an, um die Lebensleistung Perelmans wenigstens in Ansätzen nachvollziehbar zu machen.

Die lesenswerten Kapitel dieser biografisch-populärwissenschaftlichen Recherche sind jene, in denen Gessen rekonstruiert, wie sich Perelmans fast surreale Intelligenz in Zeiten des real existierenden Sozialismus entfaltete. Von klein auf wurde „Grisha“ mit anderen Wunderkindern in Mathe-Schulen und Algebra-Ferienlagern zum intellektuellen Hochleistungssportler ausgebildet. Auf Wettbewerben und Mathe-Olympiaden, die Perelman, von einer einzigen Ausnahme abgesehen, immer gewann, sollte vor allem das Prestige des Regimes aufpoliert werden. Folgt man Gessen, ist die Rede von der „mathematischen Sub- und Gegenkultur“ dennoch gerechtfertigt.

So ging es, allen sowjetischen Systemzwängen zum Trotz, in den mathematischen Talentschmieden in erster Linie darum, die Zöglinge auf Logik und widerspruchsfreies Denken zu drillen – Kriterien, denen Propaganda und Staatsdoktrin nicht standhielten. Es gibt allerdings auch keinen Grund, Perelman zum potenziellen Dissidenten zu erklären. Politik interessierte ihn ebenso wenig wie alles andere, was sich nicht auf Formeln und Zahlen reduzieren ließ. Perelmans Begabung scheint eine Art Naturgewalt zu sein, der er regelrecht ausgeliefert war. Zumindest nahmen seine Klassenkameraden es so wahr. Während sie Aufgaben auf dem Papier bearbeiteten, ging Grisha anders vor: „Er summte, stöhnte, er schaukelte vor und zurück, rieb sich die Oberschenkel, bis die Hosenbeine abgewetzt waren.“ Klatschte er in die Hände, hatte er die Lösung gefunden.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verbrachte Perelman einige Jahre an Mathematikinstituten in den USA. Obwohl er sich beharrlich weigerte, seine Habilitation zu verteidigen, machte er sich bald einen Namen, überwarf sich mit Kollegen und kehrte 1995 wieder ins heimische St. Petersburg zurück. Etwa ab diesem Zeitpunkt verliert Gessen ihren Gegenstand aus den Augen. Die Konturen ihrer zu Beginn eindrucksvollen Perelman-Skizze verschwimmen mehr und mehr. Zitate aus Tagungsberichten, Wissenschafts - und Zeitungsartikeln reihen sich an eine chaotische Vielzahl von Interviews, in denen ehemalige Bekannte über die strengen moralischen Standards oder die Ernährungs- und Hygienegewohnheiten des Mathematikers Auskunft geben.

Zu einer Antwort auf die Leitfrage, weshalb Perelman auf dem Höhepunkt seines Ruhms mit der Welt brach, fügt sich dieses Stimmenwirrwarr nicht. Mäßig hilfreich ist auch die Ferndiagnose, Perelman leide allem Anschein nach an Asperger-Autismus. Der Verdacht mag nicht abwegig sein. Dennoch ist dem Ausnahmemathematiker damit lediglich ein Etikett angeheftet, um ihn bequem ins Sortiment „Genie und Wahnsinn“ einsortieren zu können. Marianna Lieder

Masha Gessen: Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman. Aus d. Englischen v. Michael Müller. Suhrkamp, Berlin 2013. 321 S., 22,95 €.

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