Kultur : Ausstellung abgesagt: Buchheims Bilder

Harald Martenstein

Die Chemnitzer Ausstellung mit Kriegsbildern von Lothar-Günther Buchheim ist abgesagt. Buchheim wollte nicht, dass zu den Propaganda-Gemälden, die er selbst für "widerständig" hält, distanzierende Anti-Kriegs-Texte im Katalog veröffentlicht werden. Der Vorgang passt zum Streit um den neuen Film des Regisseurs Romuald Karmakar, in dem ein Schauspieler Himmlers geheime "Endlösungs"-Rede spricht, ebenfalls ohne "Distanzierung". Wie gefährlich sind propagandistische Bilder oder Texte aus dem Nationalsozialismus? Darf so etwas gezeigt werden, einfach so, dem freien Urteil des Publikums ausgesetzt?

In der DDR war alles verboten, was auch nur im Entferntesten nach Verherrlichung des Nationalsozialismus aussah. Das hat bekanntlich nicht viel genützt. Buchheim und Karmakar sind keine Nazis: Sie machen Kunst. Kunst kann Menschen verändern, gewiss, aber dazu muss es gute Kunst sein. Ein Museum, ein Kino - es ist nicht nur dieser Ort, der die Nazipropaganda von sich selbst entfremdet, es ist auch die zeitliche Distanz. Propaganda altert genauso schnell wie Mode oder Werbung. Das heutige Publikum, auch das ungebildete, ist überdies geübter und souveräner im Umgang mit Bildern als jede andere Generation. Nein, NS-Propagada ist keine Wunderwaffe, vor der man sich fürchten müsste. Wer heute Neonazi wird, der wird es nicht, weil er ein altes Kriegsbild von Buchheim betrachtet hat.

Freiheit der Kunst und Freiheit der Information sind zentrale Werte unserer Demokratie. Wer dafür ist, bestimmte Bilder nicht zu zeigen, der muss über Argumente verfügen, ein bloßes Unbehagen genügt nicht. Er oder sie muss beweisen, dass von diesen Bildern Gefahr ausgeht, oder dass die Rechte der Naziopfer verletzt werden. Bis dahin gilt: im Zweifel für die Freiheit. Was aber kann es bringen, sich ohne Filter mit einer Himmlerrede oder einem Kriegsgemälde zu befassen? Eine sonderbare Frage. Weshalb interessieren wir uns überhaupt für Geschichte?

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