Ausstellung "All that jazz" : Grafischer Klang

Das Bröhan-Museum zeigt die Jazzplakate des Schweizer Grafikdesigners Niklaus Troxler. Der Zuschauer staunt über den schier endlosen Ideenreichtum.

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Ein Troxler-Plakat von 1981.
Ein Troxler-Plakat von 1981.Foto: Bröhan-Museum

Manchmal muss es zum Verzweifeln gewesen sein. In jedem Jahr eine neue Idee, ein neuer Aufhänger, ein neuer Stil. Mehr als vier Jahrzehnte lang organisierte der Grafikdesigner Niklaus Troxler das international bekannte Jazzfestival im schweizerischen Willisau – und hatte auch die Plakatgestaltung zur Chefsache gemacht. Anstatt auf ein wiederkehrendes Logo oder eine einheitliche Schriftart zu setzen, entschied sich Troxler, auf stilistische Wiederholungen komplett zu verzichten. „Eine schwierige Aufgabe“, sagt Tobias Hoffmann, der Direktor des Bröhan-Museums.

Dort ist nun die erste Einzelausstellung Troxlers in Berlin zu sehen. Mit der Ausstellung verlässt das Bröhan-Museum seine eigentliche Kernepoche, den Jugendstil, und will ein jüngeres Publikum ansprechen. „Während unsere Ausstellung zur Zeitenwende sehr klassisch ist, stellt ,All That Jazz’ den etwas gewagteren Part dar“, erklärt Hoffmann. Trotzdem habe auch diese Schau eine Anbindung zum Jugendstil – schließlich sei der Jazz in der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden.

Troxler wurde für seine Plakate weltbekannt

Troxler organisierte 1966 mit der Band The Swinghouse Six sein erstes Konzert im Willisau, ohne zu ahnen, dass sich daraus eines der bedeutendsten Jazzfestivals Europas entwickeln würde. Bis heute standen in knapp 40 Festivals über 2000 Musiker aus aller Welt in der Kleinstadt auf der Bühne. Troxler, der in seiner Karriere sowohl Hausfassaden gestaltet, Bücher illustriert als auch verschiedenen Unternehmen ein Gesicht gegeben hatte, wurde mit seinen farbenfrohen Jazzplakaten weltbekannt.

An der Strippe. Das Saxofon wird in Troxlers Plakat zum Telefon (1979).
An der Strippe. Das Saxofon wird in Troxlers Plakat zum Telefon (1979).Foto: Bröhan-Museum

Es gibt wohl keinen anderen Grafiker, der sich über einen derart langen Zeitraum und mit einer solchen Kontinuität mit einem Thema beschäftigte. In seinen Werken spiegelt sich einerseits Jazzgeschichte wider, andererseits bildet Troxler auch die Geschichte der Plakatgestaltung ab. Er bediente sich beim „drip painting“ von Jackson Pollock und den Strichmännchen von Keith Haring, griff von Dada bis Minimal eine große stilistische Bandbreite auf und zitierte immer wieder künstlerische sowie musikalische Entwicklungen. Da ist zum Beispiel das Plakat aus dem Jahr 2005, das aus roten und grünen Streifen besteht – je nach dem, auf welche Farbe man sich konzentriert, sieht man auf den Flächen entweder einen Tuba- oder einen Saxofonspieler abgebildet. Das Auge tut sich schwer damit, Troxler spielt mit dieser Irritation und zitiert die Op-Art der 60er Jahre.

Die Peppigkeit der Pop-Art

Zuweilen floss aber auch die Organisation des Festivals in die Bildidee ein. So etwa 1979, als Troxler unbedingt den Musiker George Coleman gewinnen wollte. Es kostete ihn etliche teure Telefonanrufe in die USA, bis er endlich die Zusage bekam. Das Plakat zeigte einen Mann, der ein Saxofon – das Instrument Colemans – wie einen Telefonhörer hält. In seiner Optik erinnert dieses Werk Troxlers an den Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ und spiegelt den Stil der siebziger Jahre wider, die Peppigkeit der Pop-Art.

Als sich Troxler im Jahr 2000 entschied, Jazz mit Techno zu verbinden, kündete ein schwarzes Plakat davon, auf dem grüne und gelbe Streifen zu pulsieren scheinen. Das Werk vermittelt Rhythmus. Nicht umsonst gilt Troxler als Meister darin, Klänge zu visualisieren.

Auch wenn Troxlers Plakate in ihrer Heterogenität zunächst einen schier endlosen Ideenreichtum suggerieren, muss es Jahre gegeben haben, in denen ihm nichts Rechtes einfallen wollte. Dadaistisch mutet sein Werk aus dem Jahr 2006 an. Da hat er auf eine vergrößerte Zeitungsseite aus der New York Times einfach mit weißer Farbe die Daten des Konzerts gebracht. Wohl deshalb, weil in diesem Jahr die Musiker aus New York kamen. Auch andere Werke fallen in ihrem Einfallsreichtum zurück. Etwa die als Readymades inszenierten Arbeiten, bei denen die Ankündigung zum Festival nur auf einem herausgerissenen Stück Papier stehen oder in die Adresszeile eines Briefumschlages eingearbeitet sind.

Troxlers Erfolg tut das keinen Abbruch. Seine Werke sind in verschiedenen Designsammlungen vertreten, etwa im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, im Deutschen Plakat Museum in Essen und in der Kunstbibliothek in Berlin. Auch außerhalb des deutschsprachigen Raums, etwa im Museum of Modern Art in New York und im Stedelijk Museum in Amsterdam, hängen Troxlers Werke. Die Schau im Bröhan-Museum belässt es nicht bei Einzelwerken, sie geben einen Überblick über das Schaffen Troxlers.

Gleichzeitig ist „All That Jazz“ der erste Teil der Ausstellungsreihe „Black box“. Diese soll auf den anthrazitfarbenen Wänden im dritten Stock des Museums in loser Folge Plakatkunst, Fotografie und Grafik zeigen. „All That Jazz“ ist ein vielversprechender Auftakt.

Bröhan-Museum, Schlossstr. 1a, bis 17. Juli; Di–So 10–18 Uhr.

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