Kultur : Ausstellung: Allbeseelte Häkeldeckchen

Michael Zajonz

Jede Generation hat ihre Bücher. Verdächtig harmlos erscheint, was kurz vor dem ersten Weltkrieg deutsche Bücherschränke bevölkerte: Neben Carl Larssons Bilderbuch "Haus in der Sonne" und Paul Schultze-Naumburgs heimattümelnden "Kulturarbeiten" waren es vor allem Werke des Jenaer Zoologieprofessors Ernst Haeckel (1834 - 1919), die so manche Volksausgabe erlebten. "Die Welträhtsel" (1899) oder "Die Lebenswunder" (1904) wurden gleichermaßen von Bürgern und Proletariern wie von den sie Regierenden gelesen. Zu den Fans zählten Lenin, der thüringische NS-Gauleiter Fritz Sauckel, Mao Tse-tung und Walter Ulbricht. Nun können Autoren für ihre Rezeption nur bedingt haftbar gemacht werden. Doch Ernst Haeckel, der Darwins Evolutionstheorie popularisierte, lebte lange genug, um sein Theoriegebäude um völkische Anbauten zu erweitern. Seine selbst entworfene Weltanschauung, der Monismus, bot sich pantheistischen wie atheistischen Deutungsmustern an.

Haeckel war ein Augenmensch - und mit dem Gesichtssinn suchte er nach dem, was die Welt zusammenhält. Das hieß um 1860, zu Stift und Pinsel zu greifen, um die unter dem Mikroskop gemachten Entdeckungen auf Papier zu bannen. Die Scheibenqualle Desmonema Annasethe, eine vor der südamerikanischen Küste gefundene Medusenart, hatte es Haeckel dabei so angetan, dass er sie nach seiner ersten Frau benannte. Mehr noch: In seinem Wohnhaus, der Villa Medusa, nutzte er die eigenen Quallen-Zeichnungen als Vorlage für die ornamentale Deckengestaltung.

Auch die bizarren Baupläne der im Ozean lebenden Radiolarien hielt er in berückend schönen Zeichnungen fest und studierte sie mehr als 12 Jahre lang. Von diesen einzelligen Strahltieren war der verhinderte Landschaftsmaler so fasziniert, dass er glaubte, eine allgegenwärtige "Plasmaseele" schaffe künstlerische Meisterwerke in der Natur. Ihre Struktur verdichtet sich - so Haeckels Schlussfolgerung - während der Evolution zu immer komplexeren Mustern. Jeder Organismus durchlaufe in seiner Individualentwicklung mehrer Phasen der Stammesentwicklung. Mit diesem "Biogenetischen Grundgesetz" schickte sich Haeckel an, den Webmustern von Mutter Natur in all ihrer Differenziertheit auf die Schliche zu kommen.

Konzentrat dieser Bemühungen sind die zwischen 1899 und 1904 als Folge von 100 Lithographien erschienenen "Kunstformen der Natur", die nun in Potsdam in einer Ausstellung in der Orangerie von Sanssouci gezeigt werden. Haeckel, nach dessen Vorlagen der Jenaer Lithograph Adolf Giltsch kongenial gearbeitet hat, ordnet jedes einzelne Blatt gnadenlos einer "Zentralkomposition" unter. Ob Rohrstrahlinge oder Kalkschwämme, Kofferfische oder Gazellen: Natur ist nicht nur minutiös erfasst, sondern gleichzeitig hochgradig ästhetisiert.

Symmetrie, kristalline Strukturen, ornamentale Arabeske - der Ordnung der Darstellung widerspricht die scheinbare Regellosigkeit ihrer Präsentation: Die vorgegebene Abfolge der Blätter - die in Potsdam übrigens nicht eingehalten wird - zappt vom einzelligen Schwebeteilchen zum Wirbeltier, von Mikro zu Makro und arrangiert Fischschuppen wie antike Mosaiken. Für Haeckel ist jedes Detail gleichwertiges Argument seiner Theorie.

Vermächtnis eines Biologen

Die "Kunstformen" wurden - von Haeckel durchaus beabsichtigt - als Beitrag zur Geschmacksgeschichte wahrgenommen. Sie beeinflussten Jugendstilheroen wie Hermann Obrist und René Binet. Weitgehend unerforscht ist hingegen die Rezeption durch Künstler der klassischen Moderne. Die moderne Naturwissenschaft habe sich - so der Dichter Durs Grünbein in einer Rezension der neu aufgelegten "Kunstformen" - der "lästigen Aufgabe der Sichtbarmachung" längst entzogen. Ernst Haeckel lädt nicht nur zum Schauen, sondern auch zum "Begreifen" ein: Während der Ausstellungsvorbereitungen meldete sich eine Dame, der die "Kunstformen" als Muster für Handarbeiten dienen. Auch das ist ein heute kurios anmutendes Vermächtnis des Biologen - und dennoch nicht wenig.

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