Ausstellung auf Schloss Sacrow : Zuckerhut und Peitsche

In Schloss Sacrow treffen Brasilien und die DDR aufeinander - und passen erstaunlich gut zusammen. Es geht um Überwachung, Kontrolle und Willkür.

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Uniform des Schreckens. Die Künstlerin Berna Reale in einer Videoperformance beim Ritt durch Belém.
Uniform des Schreckens. Die Künstlerin Berna Reale in einer Videoperformance beim Ritt durch Belém.Foto: Berna Reale/Promo

Nur an wenigen Orte manifestiert sich Berlins Erfahrung von Verfolgung und Überwachung über die Jahrhunderte so wie in dem unrenovierten Gemäuer von Schloss Sacrow. Als Gut von Friedrich Wilhelm IV. errichtet, später vom Nazi- Generalforstmeister Fritz Alpers bewohnt, wurde es in der DDR zum Erholungsheim für Verfolgte des NS-Regimes. Bis die Verfolgten den Verfolgern Platz machen mussten: Mit dem Mauerbau zog die NVA in das Schloss direkt am Mauerstreifen ein, später die Zollbehörde. Sie richtete in den Gartenanlagen eine Trainingsstätte für Grenzhunde ein.

Heute gehört Schloss Sacrow der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, der Verein Ars Sacrow organisiert regelmäßig Ausstellungen, aktuell läuft dort „InterAktion – Brasilien in Sacrow“. Brasilien in Sacrow? Wieso gerade hier? Die Frage löst sich während des Besuchs auf. Das südamerikanische Land passt hervorragend nach Sacrow. Die Erfahrungen der DDR und der brasilianischen Diktatur weisen, bei allen offensichtlichen Unterschieden, Ähnlichkeiten auf. 25 Jahre ist der Mauerfall her, vor 30 Jahren endete die Herrschaft der Militärjunta in Brasilien. Die Ausstellung erinnert an Kontrolle und Überwachung in beiden Regimes, an Umsturz und Veränderung. Es geht um Gewalterfahrung und Willkür, Gesetz und Gesetzlosigkeit, Strafe und Straffreiheit.

27 Künstler stellen aus, einige davon leben in Berlin, andere sind angereist, um ihre Werke direkt in Sacrow zu verwirklichen. Wieder andere Stücke haben schon einige Jahre auf dem Buckel, wie die 2012 entstandene Videoperformance „Palomo“ der aus Belém stammenden Berna Reale, die derzeit auch auf der Biennale in Venedig vertreten ist. Das Video zeigt die Künstlerin, wie sie auf einem signalrot bemalten Pferd durch das ausgestorben wirkende Zentrum der nordbrasilianischen Millionenstadt Belém reitet. Berna Reale starrt mit eiserner Miene geradeaus, trägt dabei einen Maulkorb und die schwarze Uniform der Polícia militar, der brasilianischen Militärpolizei. Sie reitet an geschlossenen Banken, Postämtern, Supermärkten vorbei, am Wirtschaftsministerium des Bundesstaates Pará, deren Hauptstadt Belém ist, und an einigen wenigen Menschen, die dem roten Pferd beängstigt ausweichen und ihm verwundert nachblicken. Berna Reale war vor ihrer Künstlerinnenkarriere Gerichtsmedizinerin in der Stadt. Sie kennt die dunkleren Seiten von Belém, das eine der höchsten Mordraten der Welt hat. Eine Stadt, in der eigene Gesetze herrschen. Das zeigt sich in der Performance als Gesetzeshüterin, die in der Bevölkerung eher Schrecken als Sicherheit verbreitet.

Die Skepsis gegenüber Uniformen und dem Staat eint die Verfolgten der sehr unterschiedlichen Regimes in der DDR und Brasilien. So war General Humberto Castelo Branco nichts ferner als der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat. Er putschte mit seinen Militärs und der Unterstützung der Vereinigten Staaten gegen Präsident João Goulart von der Brasilianischen Arbeiterpartei PTB. Bis 1985 blieb das Militär in Brasilien an der Macht. In ihren besten Abschnitten beschäftigt sich die Ausstellung mit dieser Gegenüberstellung. Die Künstlerin Erica Ferrari etwa zeigt in ihrer Installation die direkte Auswirkung auf das Stadtbild von Rio de Janeiro.

Am Tag nach dem Staatsstreich stürmte das Militär in Rio das Hauptquartier des Nationalen Studentenbundes, der dem Militär schon länger kritisch gegenübergestanden hatte. Die Soldaten verwüsteten das Gebäude, ein Feuer brannte es bis auf ein Stahlskelett herunter. Der Bund wurde verboten, hunderte Studenten wurden in den Diktaturjahren verschleppt, gefoltert und ermordet oder man ließ sie „verschwinden“ – eine übliche Taktik auch anderer südamerikanischer Regimes.

Erica Ferrari thematisiert dieses Verschwinden in der Architektur. Eine Collage aus acrylbemalten Holzflächen und Blattgold zeigt den geplanten Neuaufbau des Gebäudes, einen Entwurf des Stararchitekten Oscar Niemeyer. Als Gegenstück hängt auf der anderen Seite des Raums eine entsprechende Collage des Columbiahauses am Potsdamer Platz, in dem die Volkspolizei Büros hatte und das beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 zerstört wurde. Auch hier wird die Spannung zwischen beiden Polen wieder sichtbar, die Konfrontation von Opfern und Tätern. Auf der einen Seite brandschatzen Militärs eine Studentenorganisation, auf der anderen wendet die Bevölkerung Gewalt gegen Staatsgewalt an.

Schloss Sacrow als Grenzraum

Und auch hier spielt Sacrow als militärischer Ort, als Grenzraum, eine Rolle. Das Zimmer der Installation ist nicht renoviert, alte DDR-Tapeten fleddern von den Wänden, der Boden ist original aus dem 18. Jahrhundert, im Raum verteilt stehen alte Balken, die den Eindruck erwecken, dass hier der Zugang verhindert werden soll, wie an der Grenze, die nur wenige Meter vom Schloss entfernt verlief.

Die Grenzsituation macht Sacrow zu einem Ort des nicht stattfindenden Transits, dem geht die Künstlerin Luzia Simons mit ihrem Werk nach. Simons lebt in Berlin, Frankreich und Brasilien, noch vor einem Vierteljahrhundert eine Unmöglichkeit. In einem heruntergekommenen Raum im zweiten Stock präsentiert sie 32 Textilprints von Collagen, in denen Objekte der Bürokratie und des Stillstands verarbeitet sind. Stempel der nationalen Zensurbehörde in Brasilien, Passbilder, der Bundesadler ist angedeutet, Konsularstempel, Einreisepapiere, Ausschnitte aus Reisepässen und Meldescheinen. Es entsteht eine ornamentale Neuordnung der Kontrollsymbole.

Die Bürokratie, unter der DDR-Bürger ebenso wie Brasilianer während der Diktatur litten, wird verniedlicht – und so entschärft. Dem gegenüber stehen kleinere bedruckte Fahnen mit Collagen von Fahrscheinen oder Flugtickets, Symbolen der Bewegung – in einem Raum, der 30 Jahre lang den Grenzbehörden der DDR und dem Aufhalten von Bewegung diente.

Ob Enteignung und Umsiedlung, Willkür und Staatsgewalt, Information und Zensur, Migration und Flucht oder Freiheit und Knechtschaft, die Ausstellung „InterAktion“ behandelt die großen Themen der staatlichen Repression anhand der Erfahrungen Brasiliens und Deutschlands. Die unrestaurierten Gemäuer von Schloss Sacrow verleihen ihr eine zusätzliche Eindringlichkeit, die in dieser Form bei einer White-Cube-Ausstellung nicht möglich wäre.

„InterAktion – Brasilien in Sacrow“, bis 4. Oktober, Schloss Sacrow, Krampnitzer Straße 33, Potsdam, Sa/So 11-18 Uhr

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