Ausstellung : Bauhaus-Archiv würdigt Hajo Rose

Retrospektive: Zum 100. Geburtstag des Fotografen und Gestalters Hajo Rose widmet das Berliner Bauhaus-Archiv dem Künstler eine größere Ausstellung.

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Fassadenkunst. Hajo Rose verschmilzt auf seinem Selbstporträt von 1930 mit dem Bauhaus.
Fassadenkunst. Hajo Rose verschmilzt auf seinem Selbstporträt von 1930 mit dem Bauhaus.Foto: Bauhaus-Archiv (c) VG Bild-Kunst

„Binop“, das klingt nach schicker Limonade. Nach konkreter Poesie oder einer Abkürzung aus dem Soziologen-Jargon. Was sich hinter dem Wort verbirgt, wird man nicht mehr erfahren, denn sein Schöpfer Hajo Rose starb in Leipzig kurz vor dem Mauerfall. Sein Entwurf auf Papier von 1931 aber verrät die Absichten des ehemaligen Bauhäuslers: Neunmal variiert er „Binop“ gestalterisch, lässt es in seinen kleinen Collagen blitzartig hervortreten oder löst es bis zur Unlesbarkeit auf und testet so, was in der Werbung möglich ist. Eine Menge, schon damals. Man sieht es seinen Arbeiten an.

Eine Retrospektive von Roses Werk war längst fällig. Zu seinem 100. Geburtstag übernimmt nun das Bauhaus-Archiv diese Aufgabe und widmet dem Künstler die erste größere Ausstellung. Einige seiner Fotografien aus der späten Zeit des Bauhauses sind berühmt, aber er selbst ist an den Rand der Wahrnehmung gerückt. Vielleicht, weil er sich am meisten für die Gebrauchsgrafik interessierte. Das Berliner Archiv hat aus Dresden, Dessau oder den Niederlanden zusammengetragen, was von Roses Lebenswerk geblieben ist. Ein früher Linolschnitt von 1928 im Stil der Neuen Sachlichkeit, der auch ein Thema dieser Zeit aufgreift: den „Arbeitslosen mit Frau“. Oder eine dunkle „Figur auf der Straße“, wie sie der 19-Jährige mit einem Sprühregen aus Tusche auf das Papier bannt – diese Technik hat er später immer wieder verwendet. Überhaupt offenbart die chronologische Hängung zahlreiche Konstanten im Werk, und es verblüfft, wie früh Rose seine Motive auf abstrakte Grundformen reduzierte.

Schon nach einem Jahr an der Kunstgewerbeschule in Königsberg riet man dem Studenten zum Wechsel nach Dessau. Rose atmete auf: „Endlich ein Haus aus Stahl und Glas, praktisch und rational wie ein Schiff, ohne jeden Schmuck, elegant.“ Seine Begeisterung für die Architektur war so groß, dass um 1930 eine Fotografie entstand, in der er sein eigenes Porträt und die Hausfassade in einer Doppelbelichtung miteinander verschmolz. Drei Jahre später schloss das Bauhaus, und Rose blieb noch bis 1934 in Berlin. Dann zog es ihn nach Amsterdam, wo er für wenige Monate mit Paul Guermonprez das Werbebüro „co-op 2“ gründete. Nach dem Bruch zwischen den beiden Partnern setzte er die gestalterische Arbeit bis zu seiner Zwangsrekrutierung zur Wehrmacht allein fort.

Rose war beeindruckt vom experimentellen Umgang mit Materialien am Bauhaus. Und ebenso von Josef Albers’ Marotte, jeden sich bietenden Moment mit der Kamera festzuhalten. Der Student tat es ihm nach, erstand eine Leica auf Raten und fotografierte den Alltag – ohne die ästhetischen Prinzipien am Ort zu vergessen. Seine Fahrradfahrer verdoppeln sich dank langer Schatten auf dem Asphalt, eine nähende Studentin ist so schräg von oben aufgenommen, dass die ganze Szene zu kippen droht. Und ein Hochspringer vor der Rasterfassade des Bauhaus-Wohnheimes wirkt wie pure Dynamik.

In seiner angewandter Kunst vereinte Rose Avantgarde und Pragmatismus. Werbung muss neugierig machen, lesbar sein, auffallen. So wie seine raffiniert gefaltete Einladung für einen Kostümball 1938 oder ein Foto, für das er 1934 transparente Folie bedruckte und ins Innere eines Einmachglases stellte, so als stünde der Text direkt auf dem Glas. Stets lotet Rose aus, wie sich vertraute Mittel neu kombinieren lassen. Noch am Bauhaus hatte er mit der Schreibmaschine winzige Zahlen auf Millimeterpapier ineinandergeschrieben, die an die Konkrete Poesie der fünfziger Jahre erinnern. In der Ausstellung ist dazu ein passendes Webmuster zu sehen.

Nach dem Krieg lehrte Hajo Rose erst in Dresden und dann als Dozent an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Leipzig. Bis er 1958 aus der Einheitspartei SED austrat. Es folgten Jahre der freiberuflichen Tätigkeit und Aufgaben für das Messeamt. Später, als Mitte der siebziger Jahre erste Bauhaus-Ausstellungen stattfanden, malte er dafür Plakate. Rose nutzte für die typografische Gestaltung noch einmal jenes kleine „b“, das er kurz vor dem Ende seiner Hochschule als deren Signet entworfen hatte. Einen kleinen, in sich verschlungenen Buchstaben ohne Anfang und Ende.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 8. November, Mi-Mo 10-17 Uhr.

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