Kultur : Ausstellung: Baukunst mit Bündchen

Uta Kornmeier

Ein Haus ist eine Hülle, eine Haut. Der heilige Bartholomäus, der den qualvollen Märtyrertod der Häutung starb, trägt in vielen künstlerischen Darstellungen seit dem Spätmittelalter seine eigene Haut wie einen abgelegten Mantel über dem Arm. Wie abgelegte Kleidungsstücke hängen auch die gestrickten Immobilien der Hamburger Bildhauerin Annette Streyl in der Galerie Breitengraser. Was beim ersten Hinsehen wie ein unförmiger Kapuzenpullover mit kurzen Ärmeln aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als kunstvoll gefertigtes wollenes Abbild des Reichstagsgebäudes. Aus den Stummelärmeln werden die Innenhöfe, aus der silbrig glitzernden Kapuze die Kuppel, aus der Känguru-Tasche der Portikus. Ein Bündchen, abwechselnd in rechts und links gestrickt, bildet die Sockelzone. Gerade der Reichstag macht deutlich, wie sehr Streyls Arbeiten sich vom Konzept eines Christo unterscheiden: Sie entkleiden den Baukörper statt ihn zu verkleiden. Nicht das Volumen der Gebäude wird betont, sondern ihre lasche, abziehbare Oberfläche. Dem auftrumpfenden Parlamentsgebäude mit seinem wilhelminischen Zierrat wird dadurch jeder Pomp genommen.

In der Galerie hängen die schlaffen Hüllen des Reichstags, des New Yorker A T & T-Gebäudes und der Dortmunder Ikea-Filiale wie zum Trocknen auf einer Leine. Allerdings wirken sie stark eingelaufen, denn die Künstlerin hat die originalen Konstruktionszeichnungen im Maßstab 1:100 umgesetzt. Somit funktionieren ihre Strickhäuser auch als kuschelige, aber akkurate Architekturmodelle. Tatsächlich gibt es für jede Immobilienhülle auch ein hölzernes Skelett, auf das die feinmaschigen Häute aufgezogen werden können. Witziger sind die Strickhäuser allerdings als schlappe Gebilde: Dann wirken sie, als hätte jemand die Luft aus der Architektur gelassen, die sich selbst so ernst nimmt, damit sie auf ein handliches Maß zusammenschnurrt. Dieses entspannte Sich-einfach-mal-Hängen-Lassen haben Streyls Strickhäuser mit Claes Oldenburgs "soft sculptures" aus den sechziger Jahren gemein, den riesigen Stoffwaschbecken und gigantischen Zahnpastatuben aus flexiblem Kunststoff. Doch während Oldenburg banale Gebrauchsgegenstände zu Skulpturen monumentalisiert, verniedlicht Streyl das Besondere und Repräsentative zu harmlosen Alltagsdingen. Schade, dass man die Wollarchitekturen nicht auch noch anziehen kann.

In künstlerischer Nähe zu Rosemarie Trockel mit ihren Strickbildern aus den achtziger Jahren sieht Annette Streyl sich allerdings nicht. Dass die Künstlerin ihre Immobilien nicht selbst mit dem Essen auf dem Herd vorm Fenster sitzend anfertigt, sondern von einer Hamburger Gehilfin auf einer Strickmaschine kommerziell herstellen lässt, soll ihre Arbeiten von der Kategorie "Frauenkunst" absetzen. Trotzdem bleibt die Assoziation zur Heim- und Handarbeit der stärkste Trumpf ihrer Konzeptkunst. Gerade aus dem Widerspruch der ernsten, öffentlich und im Außenraum wirksamen, männlichen Architektur mit der harmlosen, im Privaten ausgeübten und traditionell weiblichen Herstellungsmethode beziehen die Strickhäuser ihre Wirkung.

So entsteht eine ganz eigene Komik aus den sich aufdrängenden Vergleichen der gewichtigen Gebäude mit tantigen Schlabber-Pullis und dicken Socken. Leider zerfasert aber die Ironie der Strickfassaden durch die gleichwertige Behandlung von repräsentativer Macht- und reiner Funktionsarchitektur. Ein gestrickter Reichstag kann irritieren, wenn aber daneben der ebenfalls gestrickte Ikea-Container hängt - für sich genommen ein sehr schöes, blau leuchtendes Werk -, wirkt die Methode der künstlerischen Verfremdung beliebig. Daher sollte man am besten jedes Strickhaus einzeln als künstlerische Umsetzung eines individuellen Gebäudes ansehen. Sofort wird der Lappen auf der Leine wieder zum wollenen Vexierbild aus Haus, Pullover und Haut.

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