Ausstellung : Bottrop liegt bei Miami

Die Fotokünstlerin Beate Gütschow ist eine Meisterin der Illusionen. Ihre aktuellen Arbeiten greifen die gescheiterten Architektur-Utopien der 50er Jahre auf und lassen neue geklonte Welten entstehen.

Jens Hinrichsen
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Bausünden, fiktiv: Die Foto-Arbeit "S2, 2005". -Foto: L. and E. Frank Collection

Dunkle Wolken dräuen über der Grabstätte. Im Hintergrund eine Kirchenruine, vorne ein abgestorbener Baum und ein Wasserfall: Beate Gütschows bisher einzige Videoarbeit war im vergangenen Jahr im Rahmen der Biennale in Venedig zu sehen. Zum ersten Monitorbild gehört ein zweites, das eine ähnliche, aber doch merkwürdig veränderte Szenerie präsentiert. Besonders irritierend: der Wasserfall ist versiegt. Beide Videobilder sind im Computer erzeugt.

Perfekt beherrscht Beate Gütschow ihr Illusionistinnenhandwerk. Ähnlich dem Maler Jacob van Ruisdael, der 1654 und 1655 zwei unterschiedliche Versionen vom „Judenfriedhof“ komponierte, schiebt Gütschow separat aufgenommene „Kulissenteile“ am Computer zur perfekten Landschaftsbühne zusammen. Ihr Video-„Diptychon“ von 2007 ist Hommage an den Niederländer und Vexierspiel in einem. Vor allem aber mit großformatigen Fotos stellt die 37-jährige Wahlberlinerin im Haus am Waldsee unsere Sehgewohnheiten auf die Probe.

Das Rohmaterial für ihre Raumkonstruktionen fotografiert die Schülerin von Wolfgang Tillmans und Bernhard Blume fast ausnahmslos selbst. In bis zu sieben Wochen puzzelt sie zwischen 30 und 100 Einzelelemente zu einer Fotomontage zusammen. Das auf klassischem Fotopapier präsentierte Ergebnis wirkt (fast) wie ein echtes Abbild. Keine Naht, kein Fehler in der Lichtführung verrät den Trug der bis 2003 gefertigten Landschaftsidyllen unter dem Serientitel „LS“. Nur: Die Bilder sind einfach zu schön, um wahr zu sein.

Gütschow sampelt Bildkompositionen von Claude Lorrain, John Constable oder Thomas Gainsborough. Man meint, all das schon gesehen zu haben. Nur nicht beim Sonntagsspaziergang. Wie die Maler des 18. Jahrhunderts holt Gütschow Menschenfiguren ins Arkadien hinein: Fremde im Paradies, die sich in Gestik und Mimik nicht einfügen. Dazu stammt manches Rasenstück, mancher Schutthaufen mitten aus der City. Utopien. Traumszenarien, die zu bröckeln beginnen.

Noch markanter inszeniert die Künstlerin absichtsvolle Brüche und Diskontinuitäten in der aktuellen schwarzweißen Städte-Serie. So ragt im Hintergrund des Beton-Tableaus „S#25“ (2008) zweimal dasselbe Minarett auf, was sich als hintersinniger Kommentar auf islamophobe Tendenzen lesen lässt. Gütschow klont hier, löscht oder glättet da, begeht erschreckend plausible Bausünden und zielt damit vor allem auf die gescheiterten Architektur-Utopien der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die sie in düsteres, geradezu apokalyptisches Licht taucht.

Ob Kriegsgebiet oder Shoppingcenter, stets werden weit auseinander liegende Orte und Bauten miteinander verknüpft und dann die verräterischsten Spuren ihrer Provenienz getilgt. Bottrop liegt bei Miami. Zwischen Wüste und Suburbia liegt ein Streifen Meer mit Badegästen, Touristen schlendern ungerührt an Autowracks und ausgebrannten Bussen vorbei. Vorm Provinzparkhaus ist ein Hubschrauber abgestürzt. Einsam ragt ein seltsames Haus, halb Wohn-, halb Wachturm auf dem Asphalt empor, fast fensterlos, die Außentreppen laufen ins Leere. Stilistisch erinnert das Bild an den dokumentarischen Stil von Bernd und Hilla Becher. Dabei zielt Beate Gütschow exakt aufs Gegenteil, indem sie neue, problematisch zugespitzte Wirklichkeiten baut.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 24. März, Mo-So 11-18 Uhr.

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