Ausstellung : Das Chaos ist nicht böse

18 Fotografen, 18 Städte: Die Agentur Ostkreuz feiert mit einer Ausstellung ihren 20. Geburtstag.

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Detroit stirbt, so viel ist klar. Doch was tut Dubai? Dubai glänzt und protzt. Zu leben scheint es nicht. Zwei Städte auf der Welt, die mit unserer alteuropäischen Vorstellung von Stadt kaum etwas zu tun haben. Die Stadt als sinnvoll gewachsenes, organisches, organisiertes Gemeinwesen vieler Menschen. Detroit, Dubai, Gaza City, Lagos, Ordos, Las Vegas und all die anderen Städte, die wir in einer großartigen Ausstellung der Fotoagentur Ostkreuz sehen, haben kaum etwas gemeinsam – sie zeigen uns nur, jede auf ihre Art, wie ungültig unsere alte Stadtidee inzwischen ist.

Vor zwei Jahren haben alle 18 Fotografen der Berliner Agentur Ostkreuz beschlossen, selbst finanziert in die Welt hinauszugehen und „die Stadt“ zu fotografieren. Das Ergebnis zeigt die Galerie C/O im Postfuhramt: 18 sehr unterschiedliche Herangehensweisen an 18 sehr unterschiedliche Städte. Da ist Ordos in Westchina, eine Stadt, die es eigentlich noch gar nicht gibt. Straßenkreuzungen gibt es bereits, auch ein Museum und sonst vor allem Bauarbeiter. Ob hier tatsächlich mal vier Millionen Planmenschen leben? Die Bilder lassen zweifeln. Aber was wissen wir von chinesischer Stadtentwicklung?

Da ist Gaza City, die Palästinenserstadt mit den zerstörten Häusern, auf deren Trümmern das Leben weitergeht. Sisyphos ist ein Stadtmensch. Da sind die europäischen Vorstädte, gesichtslos, unscharf, vor denen junge Frauen sitzen, eigentlich unauffällige Frauen, denen die Aufmerksamkeit der Fotografen große Schönheit verliehen hat. Da ist Auroville, eine 40 Jahre junge Retortenstadt in Indien, entwickelt aus der Utopie eines selbstverwalteten, friedlich-schaffenden Gemeinwesens, gebaut für 50 000. Es wohnen hier noch: 2000. Sie wohnen, glaubt man den Bildern, sehr schön. Und sehr allein. Da sind Lagos und Manila, Städte, in denen niemand je allein sein kann, Monster, hässlich und wuchernd. Dazu der Satz: „Das Chaos ist ja nicht böse, es ist einfach nur da.“ Unbedingt empfehlenswert die Texte zu den Bildern.

In einer Stadt gibt es auch eine Stadtmauer. Mit der schützt sich die Stadt, aber nicht gegen ihre Feinde von außen, sondern gegen die von innen. Die Fotografin war in der Berliner Untersuchungshaftanstalt Moabit, Stadt in der Stadt.

Ostkreuz ist vor 20 Jahren gegründet worden, als es mit der DDR zu Ende ging. Sie war eines der letzten Ostprodukte, wenn auch eins, das es in der DDR, so wie sie mal war, nicht hätte geben können. Individualisten hatte es zwar viele gegeben, aber keinen Zusammenschluss von Individualisten. Schon ein paar Mal haben die Ostkreuz-Fotografen in den letzten 20 Jahren gemeinsame Ausstellungen gemacht. Eine der ersten galt Berlin. In der letzten ging es um Deutschland-Bilder. Diese Ausstellung nun widmet sich der Welt. Die Ostkreuzler haben sie sich zu ihrem Jubiläum geschenkt (wenn auch nur fünf der 18 bei der Gründung dabei gewesen waren). „Die Stadt. Vom Werden und Vergehen“ zeigt, dass Ostkreuz längst kein Ostprodukt mehr ist.

„Die Stadt. Vom Werden und Vergehen“. Eine Fotoausstellung der Agentur Ostkreuz. noch bis zum 4. Juli in der Galerie C/O, Oranienburger Straße 35/36..

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