Ausstellung „Das (de)konstruierte Glück“ : Schuften für die Schönheit

Barbara Köppes beeindruckender Fotozyklus über das volkseigene DDR-Kosmetik-Kombinat ist im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen.

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Eine Arbeiterin des VEB Kosmetik-Kombinats, porträtiert von Barbara Köppe für ihre Serie "Frauen - Schönheit - Schicht".
Eine Arbeiterin des VEB Kosmetik-Kombinats, porträtiert von Barbara Köppe für ihre Serie "Frauen - Schönheit - Schicht".Foto: Barbara Köppe

Das Glück ist immer woanders. Auf dem Plakat zum Beispiel, das zwei lachende, löwenmähnige Models in Luxusmänteln zeigt und für „Florena Cosmetics“ wirbt. Es klebt an der Wand einer Werkstatt, die gleich von einer Arbeiterin betreten wird, die schon durch die Glastür zu sehen ist. Sie trägt eine Kittelschürze, führt gerade eine Kaffeetasse zum Mund, kehrt also offenbar aus einer Pause zurück und dürfte den Rest des Tages damit verbringen – darauf deuten die Kartons und das Klebeband auf dem Tisch hin –, Kosmetikartikel zu verpacken.

„Licht ausschalten!“ fordert ein Schild in einem engen, funzelig beleuchteten Raum, der eine gusseiserne Wendeltreppe umschließt. Hochhackige Damenschuhe sind darauf zu erkennen, energisch tritt ein Bein nach vorn. Es geht aufwärts, könnte die Botschaft lauten.

Die Laufrichtung weist jedoch unverkennbar abwärts. Das witzigste der Bilder aus der nur scheinbar ironisch mit „Schönheit“ überschriebenen Fotoserie zeigt einen Holzverschlag, in dem Gasflaschen aufbewahrt werden. Eine Frau lugt durch das vergitterte Fenster. Dick sind ihre Brillengläser, die Mundwinkel weisen nach unten. Die Frau passt auf, sie hält die Stellung. Unerbittlich wie der Heilige Hieronymus in seinem Gehäus. Auch hier fehlt das mahnende Schild nicht: „Dieser Platz darf nicht verstellt werden!“.

„Frauen – Schönheit – Schicht“ lautet der Titel des Fotozyklus, den Barbara Köppe 1988/89 im VEB Kosmetik-Kombinat aufgenommen hat. Der volkseigene Großbetrieb war 1980 auf Beschluss des SED-Zentralkomitees durch den Zusammenschluss von 60 Betrieben entstanden und besaß acht Produktionsstandorte, unter anderem in Berlin, Dresden und Karl-Marx-Stadt. Er beschäftigte 8500 Mitarbeiter, von denen 75 Prozent Frauen waren. Die Produktion deckte 97 Prozent des Kosmetikbedarfs der DDR ab. Haarpflegemittel, Cremes und Deos wie „Soirée“, „Atoll“, „Alon“, „Koivo“ und „Indra“ wurden allerdings ausschließlich in hochpreisigen „Exquisit“-Läden angeboten.

Heldinnen der Arbeit sucht man auf Köppes Bildern vergeblich. Zu sehen sind ganz normale Frauen, die sich eingerichtet haben. Sie wirken manchmal resigniert, manchmal kämpferisch, eher erschöpft als glücklich, mitunter lachen sie. Auf einem Foto lehnt eine Arbeiterin an einer gigantischen, trichterförmigen Schüttanlage. Ihr Mund ist ein Strich, an den Rohren blättert die Farbe ab. Parolen wie „Wir tragen den Staatstitel Kollektiv der Sozialistischen Arbeit“ wirken wie Hohn. Mit der Sozialistischen Arbeit, das lässt sich auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen ablesen, ging es erkennbar zu Ende. Nach der Wende sollte das VEB Kosmetik-Kombinat abgewickelt, zerstückelt und privatisiert werden.

Barbara Köppe, deren Arbeit vom Demokratischen Frauenbund Deutschlands unterstützt, aber zu DDR-Zeiten nie ausgestellt wurde, geht mit ihrer Kamera sehr nah heran an die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit sieht grau aus und toxisch. Auf einem Bild stehen Frauenfüße mit Sandalen in einer dunklen Chemielauge. Auf anderen wuchten Arbeiterinnen mit bloßer Körperkraft Fässer, Rollwagen, Schubkarren. Dampf nebelt aus Leitungen. Achtzig Jahre zuvor hat Fabrikarbeit kaum anders ausgesehen. Eine Frau im Blaumann sitzt rauchend an einem Tisch, ihre Füße lehnen an einem rostigen Rohr. Eine andere hockt erschöpft im Pausenraum, von der geblümt tapezierten Wand aus überwacht Erich Honecker die Szene. Heldinnen der Erholung.

Überfällige Wiederentdeckung: Vor 20 Jahren waren Köppes Bilder zuletzt zu sehen

Köppe hat ihre Protagonistinnen auch in der Freizeit fotografiert. Eine sechsköpfige Familie posiert in einem Wohnzimmer mit Schrankwand und Orientteppich. Eine Mutter mit umgeschnalltem Baby und prall gefülltem Einkaufskorb taucht – großartiges Bild – unter den Wäscheleinen eines Hinterhofes hindurch. Multitasking als weiblicher Alltag in der DDR. „Fotografie ist für mich kein Ablichten oder Ausschneiden von Realität“, hat Köppe gesagt. „Nicht Imitation von Wirklichkeit strebe ich an, sondern meine Interpretation von ihr.“ Köppe, die 1995 zum letzten Mal ihre Fotos zeigte und 2007 ihre Kameras verschenkte, ist eine Poetin der Wirklichkeit. Die Ausstellung „Das (de)konstruierte Glück“ im Berliner Willy-Brandt-Haus markiert eine überfällige Wiederentdeckung.

Glück gehörte in der DDR zu den Planzielen. Der Weg dahin war weit. Der „sozialistischen Menschenfamilie“, verkündete der Chefideologe Karl-Eduard von Schnitzler, durfte das Glück „nicht nur rosarot erscheinen, weil zu unserem Glück auch der Kampf gehört“. Barbara Köppe, die 1968 für die „Neue Berliner Illustrierte“ (NBI) das Titelbild zur Ausstellung „Vom Glück des Menschen“ fotografierte, hatte Pech. 1942 in Magdeburg geboren und in Potsdam aufgewachsen, absolvierte sie eine fotografische Ausbildung am Schöneberger Lette-Verein. An der Abschlussfeier konnte sie 1961 nicht mehr teilnehmen, weil gerade die Mauer gebaut worden war.

Sie porträtierte auch Schriftsteller und Jugendliche

„Glück? Das muss man konstruieren!“, lautet Köppes Credo. Für Blätter wie „Sonntag“, „FF Dabei“ und „NBI“ lieferte sie vor allem Porträts. Ausgelassen lachende junge Menschen, die hoffnungsvoll verkörpern, was die Nationalhymne beschrieb: „Denn es muss uns doch gelingen, / Dass die Sonne schön wie nie / Über Deutschland scheint.“ Aus der Zeitungsarbeit stieg Köppe 1971 aus, um ungebundener zu sein. Sie porträtierte Schriftsteller oder Jugendliche in einer Diskothek in Friedrichshain und schuf Zyklen wie „15 Versuche über Frauen in künstlerischen Berufen“. Heiner Müller hat die Fotografin im Sturm des Nachwendejahres 1990 aufgenommen. Er sitzt in einem grell erleuchteten Treppenhaus, das zum Palast der Republik gehört, und hat die Augen geschlossen. Das Leben, ein Wachtraum.

Willy-Brandt-Haus, bis 15. November. Di–So 12–18 Uhr. Eintritt frei. Begleitbuch (Nicolai Verlag) 24,95 €

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