Ausstellung : Das ewige Yeah, Yeah, Yeah

Lautstärke als Protestform: Eine Ausstellung erzählt die Geschichte der Beatmusik in Berlin.

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Nur echt mit Prinz-Eisenherz-Frisur. Die Lords um Sänger Ulli Günther (Mitte) waren die erfolgreichste deutsche Beatband. Foto: Ullstein
Nur echt mit Prinz-Eisenherz-Frisur. Die Lords um Sänger Ulli Günther (Mitte) waren die erfolgreichste deutsche Beatband. Foto:...Foto: ullstein bild - Dabrowski(L)

Ein paar Treppen hinauf im Turm des Kreuzbergmuseums und schon pfeffert es einem mächtig entgegen: ein grobes knackig schepperndes Gitarrenriff. Kein steril totdigitalisierter CD-Sound, sondern der pure Stoff – roh, verzerrt und rumpelig dröhnt es aus einer alten Wurlitzer-Musikbox: „You told me that you love me, I know it isn’t true.“ Nicht Van Morrison, Eric Burdon oder Mick Jagger geben hier den wilden R&B-Shouter, sondern ein Berliner Junge aus dem Wedding: Werner Krabbe. „But You Never Do It Babe“ war 1965 die erste Single der vielleicht besten Berliner Beat-Band der sechziger Jahre: The Boots

Krabbe war damals gerade 21 Jahre alt. Wir sind mittendrin in der Ausstellung des Berliner Rock & Pop-Archivs: „Generation B. Die sechziger Jahre. Beat in Berlin“. Mittendrin steht auch die brüllende Jukebox, bestückt mit jeder Menge Singles von Berliner Beat-Bands jener Zeit: Drafi Deutscher, The Magics, The Hound Dogs, Didi & his ABC Boys, The Rainbows, Team Beats Berlin und natürlich Unmengen Singles von Deutschlands damals erfolgreichster Gruppe – The Lords. Ihr größter Hit „Poor Boy“ war eine wunderbare Eigenkomposition in rührend unbeholfenem Englisch. Doch wie verdreht auch immer Grammatik und Aussprache daherkamen, niemals hätten Beatfans eine andere Sprache akzeptiert als Englisch, die Sprache der Beatles und Stones. Deutschen Gesang hatten sie höchstens noch Drafi Deutscher durchgehen lassen: „Weine nicht, wenn der Regen fällt, dam-dam, dam-dam.“ Sein Hit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ war schon hart an der Grenze, aber Drafi wurde akzeptiert, weil er bei seinen Konzerten immer auch glaubhaft als Rock ’n’ Roller den wilden Little Richard geben konnte.

Aber sonst war alles, was deutsch daherkam, verachtenswert: Schlagermist. Statt „Ain’t she sweet, we’ll see her walking down that street“ zu singen „Ist sie nicht süß, hat zwei süße kleine Füß’“, wäre dem Sänger Lord Ulli einfach zu dämlich vorgekommen, und so haben die Lords sich standhaft geweigert, die Forderung ihrer Plattenfirma Electrola nach deutschsprachigen Plattenaufnahmen zu erfüllen. Von den Lords laufen in Endlosschleife Fernsehaufnahmen ihrer Auftritte in der legendären Fernsehsendung „Beat Club“ von Radio Bremen. Projiziert hinter eine musealen Bühne, die – bestückt mit alten Instrumenten und einer mit einer Bühnenuniform der Lords bekleideten Schaufensterpuppe – etwas traurig, leblos und verstaubt wirkt.

In einer Mischung aus Melancholie und Amüsement betrachten in die Jahre gekommene Ausstellungsbesucher alte Konzertplakate von Edgar & The Breathless, für Beatveranstaltungen im Palais am Funkturm, Werbeankündigungen von Bandauftritten in den unzähligen Berliner Musik-Clubs, die „Atelier 13“ (Neukölln), „Casa Leon“ (Neukölln), „Tiki“ (Charlottenburg), „Top Ten“ (Rudow) oder „Zillertal/Cannonball“ (Wedding) hießen. Daneben stehen in Vitrinen alte Spulentonbandgeräte, Plattenspieler und Kofferradios. Die alliierten Soldatensender BFN und AFN waren für die Berliner Jugendlichen der fünfziger und sechziger Jahre zunächst die einzigen Quellen für Rock ’n’ Roll und Beatmusik.

Der Kreuzberger Bernd Feuerhelm kann wunderbare Geschichten erzählen über seine Jugend am Lausitzer Platz, seine Begeisterung für die lässigen amerikanischen GIs, von denen einer mit seiner älteren Schwester liiert war, und für deren wilde Musik und ihren unglaublichen Tanzstil. Ausgesprochen unterhaltsam und informativ ist es, Feuerhelms Episoden über seine Jugend auf großen verglasten Schrifttafeln nachzulesen, illustriert mit seinen eigenen Fotos, von Freunden und Gangs und den entsprechenden Tanzschuppen in SO 36: der „Grenzquelle“ in der Köpenicker Straße, der „Kleinen Melodie“ in der Skalitzer, „Mickey Mouse“ am Lausitzer Platz oder „Mary Lou“ in der Görlitzer Straße.

Man möchte nicht aufhören, Feuerhelms Storys zu folgen. Es könnte immer so weitergehen, mit Geschichten über Berlin und den Beat. Nur geht es nicht so weiter. Feuerhelms Geschichte bricht viel zu früh ab, dann beginnt die Sache dröge zu werden. Im Telegrammstil bedienen die Schautafeln den Besucher mit einer Kompaktladung politischer und gesellschaftlicher Ereignisse, zu viel zu lesen, zu ermüdend. Auch, weil man die direkten Bezüge zu den daneben abgebildeten Fotos Berliner Bands vermisst, und das, was die Ausstellung eigentlich will: das Lebensgefühl einer Zeit wiederzuerwecken.

Unter den Fotos unzähliger Berliner Beat-Bands stehen zwar die Namen der Gruppenmitglieder, doch nichts darüber, was aus ihnen wurde, was sie heute machen. Eher zufällig entdeckt man den Namen Frank Zander als Sänger und Sologitarrist der Gloomy Moon Singers. Hinweise auf seinen weiteren Werdegang als Schlagersänger, Schauspieler, Moderator fehlen. Dasselbe beim späteren Fernsehmann Hugo Egon Balder, der hier noch als Keyboarder der Berliner Band Birth Control zu sehen ist. Keine Anmerkung dazu, dass andere „Stars“ von einst heute als Hartz-IV-Empfänger darben.

Die Beat-Fans waren die noch unpolitischen Vorläufer der 68er-Bewegung. Über ihre Lautstärke als Protestform und die Kulturkämpfe in der jungen, immer noch naziverseuchten Bundesrepublik würde man gerne etwas erfahren. Fehlanzeige. Werner Krabbe wurde wegen seiner langen Haare im U-Bahnhof Hermannplatz von Arbeitern überfallen, Taxifahrer beförderten keine Langhaarigen. Unreflektiert bleiben auch die Kämpfe der Beat-Rebellen in der miefigen Eingezwängtheit der „Hauptstadt der DDR“, wo Walter Ulbricht verkündete, dass mit der Beat-Musik und dem „ewigen Yeah, Yeah, Yeah“ endlich Schluss sein müsse. Beim Rausgehen brettern die Lords noch einmal aus der Jukebox: „Poor boy you must know /Poor boy the life is hard to go.“

Die Ausstellung „Generation B“ läuft noch bis zum 7. 11. im Kreuzberg-Museum (Adalbertstr. 95a), Mi–So 12–18 Uhr.

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