Ausstellung : Das Jahrhundertwerk des sowjetischen Fotografen Chaldej

Historische Ereignisse bedürfen prägnanter Bildsymbole, um sich im kollektiven Gedächtnis festzusetzen. Die Rote Fahne, mit Hammer und Sichel und Sowjetstern, die vom Reichstag über die Trümmer der Stadtmitte Berlins herabweht, ist ein solches Bild. Jewgeni Chaldej hat das Foto gemacht. Seine Werke sind im Berliner Gropius-Bau zu sehen.

Bernhard Schulz

Kaum ein Kriegsfoto ist derart oft reproduziert worden wie diese Aufnahme vom frühen Morgen des 2. Mai 1945. Der Krieg war noch nicht offiziell beendet, doch der Diktator bereits von eigener Hand umgekommen. Mit dem Reichstag hatte die Rote Armee dasjenige Gebäude erobert, das von Kriegsbeginn an quasi als Hauptsitz des Faschismus galt.

Schon da beginnt die Verwirrung. Denn der Reichstag – dessen Erstürmung die Rote Armee alsbald im Hauptquartier von Wünsdorf in einem riesigen Schlachtengemälde feierte – spielte im „Dritten Reich“ keinerlei Rolle. Und dann das Foto selbst: Es suggeriert den heroischen Moment der Erstürmung, doch tatsächlich sind tief unten Menschen zu erkennen, die offenbar unbehelligt über die Straße gehen. Die Rauchsäulen am Horizont sind einmontiert, um fortdauernden Kampf zu signalisieren.

Von der wegretuschierten zweiten Uhr am Handgelenk des stützenden Soldaten – auch er, nebenbei, mit Schirmmütze statt mit Stahlhelm, wie noch beim „Straßenkampf am Halleschen Ufer“ Tage zuvor – muss nicht groß die Rede sein; das zählt zur Folklore. Entscheidend ist, dass es dem Fotografen gelang, ein gültiges Sinnbild für Ende und Ergebnis des Krieges zu schaffen. Der Fotograf heißt Jewgeni Chaldej.

Ihm ist jetzt eine repräsentative Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gewidmet, eröffnet am 8. Mai, dem (offiziellen) Tag des Kriegsendes. Über 200 Fotografien sind zu sehen, mit dem ganz überwiegenden Schwerpunkt der Kriegsaufnahmen, denen sich spätere Fotografien vom glücklichen Leben der Sowjetmenschen eher wie zufällig anschließen. Die vom Entdecker Chaldejs auf deutscher Seite, dem Fotografen und Gestalter Ernst Volland, überwiegend aus eigener Sammlung bestückte Ausstellung will den Kriegsreporter ins Licht setzen. Sie tut es unter einem an Henri Cartier-Bressons moment décisif angelehnten Titel, „Der bedeutende Augenblick“.

Cartier-Bressons Diktum, „Über Fotografie gibt es nichts zu sagen, man muss hinsehen“, trifft auch auf Chaldej zu. Seine Stärke liegt in der Beobachtung; darin, die Wirklichkeit in Bildern zu verdichten, die alles sagen. Die alte Frau vor den rauchenden Trümmern der 1942 durch deutsche Bomben niedergebrannten Stadt Murmansk, das Ehepaar mit Judensternen im zerstörten Budapest nach dem Einmarsch der Roten Armee, der fürchterliche Anblick einer durch Selbstmord geendeten Familie auf Wiener Parkbänken, aber auch das Foto des die Hand vors Gesicht haltenden Hermann Göring beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg: Das sind Fotos, die Geschichte unmittelbar zur Anschauung bringen. Das ist jedesmal ein Augenblick, der dem Fotografen nicht zugefallen ist, sondern auf den er gefasst sein, oder den er gar, wie beim Reichstags-Flaggenfoto, selbst vorbereiten musste. Über die verwickelten Umstände dieses Fotos wie auch derjenigen anderer sowjetischer Reporter hat Volland ein erhellendes Buch geschrieben.

Chaldej war dabei, das ist das Berufsethos des Reporters. In Nürnberg lernte er den amerikanischen Kollegen Robert Capa kennen, der ihm eine „Spee Graphic“-Mittelformatkamera schenkt, wie sie bei den amerikanischen Reportern üblich war. Sie ist in der Ausstellung ebenso zu sehen wie ein Exemplar der Leica, jener Kamera, die die Reportagefotografie überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Der 1917 im ukrainischen Donezk geborene Chaldej arbeitete den gesamten „Großen Vaterländischen Krieg“ über als Fotoreporter der Roten Armee. Er begleitete die Feldzüge auf dem Balkan, die Einnahme von Budapest und Wien und wurde schließlich nach Berlin beordert. Seine Bilder waren bekannt und bis in die sowjetischen Schulbücher verbreitet; nur der Fotograf selbst blieb im Schatten. Er wurde 1948 entlassen, wohl wegen „Kosmopolitismus“, dem üblichen Vorwurf der späten Stalin-Zeit gegen Juden, die – auch das ist zu erwähnen – als solche im Reisepass ausgewiesen waren. Erst 1956, im Zuge des Chruschtschowschen „Tauwetters“, fand Chaldej wieder Anstellung als Zeitungsfotograf. Eine Einzelausstellung seiner Arbeiten erhielt er zu Sowjetzeiten nie. 1997 ist er in Moskau gestorben, wo sich in seiner Stadtrandwohnung Bettcouch und Dunkelkammer ein einziges Zimmer teilen mussten.

Und 10 000 Negative: So schätzt jedenfalls Tochter Anna Chaldej die Zahl der Aufnahmen. 1994 war Chaldej noch einmal in Berlin, auf Einladung Ernst Vollands, der damals die erste Ausstellung überhaupt zusammenstellte. Chaldej machte nochmals Aufnahmen, von der Roten Armee, deren letzte Einheiten gerade Deutschland verließen. Mit Joe Rosenthal traf er sich ein Jahr darauf in Südfrankreich; Rosenthal, der das gleichermaßen weltberühmte Foto von der Flaggenhissung der US-Marines auf Iwo Jima gemacht hatte, das Symbol des Sieges über Japan. Auch dieses Foto war gestellt, ohne dass es dem Wahrheitsgehalt seiner Aussage Abbruch täte.

Chaldejs Aufnahmen nach 1946 entbehren naturgemäß der Dramatik der Kriegsfotos. Jetzt hatte er Zeit, den richtigen Augenblick abzuwarten: den Mähdrescher vor aufgewühltem Himmel, die schlafenden Hortkinder in malerischer Landschaft, die Hausfrau beim Einkauf in einem Vorzeigegeschäft. Das sind nur Beispiele eines weit umfangreicheren, in Russland mittlerweile teilpublizierten Bildervorrates der Nachkriegszeit.

Propaganda, gewiss; und für heutige Augen den schmalen Grat zwischen Pathos und Lächerlichkeit bisweilen überschreitend. So im Bild des zufriedenen Arbeiterehepaars in der penibel ausstaffierten Wohnküche oder beim ordensgeschmückten Soldaten auf Heimaturlaub an reichgedeckter Tafel, den der jüngere Bruder bewundernd anhimmelt. Erst 1970 konnte sich Chaldej davon lösen. Er suchte die Soldaten, die er im Krieg fotografiert hatte. Die Gegenüberstellung der Aufnahmen über ein Vierteljahrhundert hinweg ergibt ein anrührendes „Bild“ vom Weiterleben, vom Lebenswillen, der sich in den Gesichtern spiegelt.

Chaldejs Vater und drei seiner Schwestern wurden 1941/42 von SS-Einsatzgruppen in der Ukraine ermordet. Auch das gehört, furchtbarerweise, zu den Umständen, unter denen ein großes Werk der Fotografie entstand.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7, bis 28. Juli. Katalog 22 €. Ernst Volland, Das Banner des Sieges. Berlin Story Verlag, 9,80 €. – www.gropiusbau.de

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