Kultur : Ausstellung: Der Blick in den Spiegel

Anna Kemper

Die Weltkugel trägt eine Narrenkappe. "Stultorum infinitus est numerus", die Zahl der Toren ist unendlich, verkündet die Schrift unter dem Kupferstich von 1600. Ja, möchte man lauthals zustimmen, doch legt der benachbarte Sinnspruch nahe, dass Schweigen angeraten ist: "Nosce te ipsum", erkenne dich selbst - auf dem Bild, das du betrachtest, ist zwar dem Globus eine Narrenkappe aufgesetzt, aber deinem Kopf würde sie auch nicht schlecht stehen. Von Buchtafeln, Emblemen, Einblattdrucken und Illustrationen rufen die "Narren" in der Ausstellung in der Kunstbibliothek das Gleiche: "Ich bin dein Spiegelbild", und die Erkenntnis, selbst ein Narr zu sein, ist der erste Schritt auf dem Weg zur Vernunft.

Man muss der Welt diesen Narrenspiegel vorhalten, befand Sebastian Brant 1494, damit sie nicht in Torheit und Sünde versinkt. In seinem Gedicht "Das Narrenschiff" treten Schwächen, Laster und Sünden als Narren personifiziert auf, und wie auf einer Arche Noah versammelt, segeln Säufer, Ehebrecher und Gotteslästerer "Ad Narragoniam". Brant ließ seine Moralsatire vom jungen Dürer und anderen Nürnberger Künstlern boshaft und witzig illustrieren. Eine Endzeitpredigt mit Augenzwinkern, und doch sitzt dem Schalk stets das Unheil im Nacken: Frau Venus führt als "Buhlschaft" gleich mehrere liebestolle Narren wie Hunde an der Leine spazieren, und doch liebäugelt sie schon mit dem Nächsten. Aber es nehme sich in acht, wer vernarrt oder betört ist: Im Hintergrund des Holzschnitts von Dürer lauert der Tod, die ewige Verdammnis, die die Liebessünder am Tag des Jüngsten Gerichts treffen wird.

Ein einheitliches Bild des Narren gab es im 16. Jahrhundert, auf dem der Schwerpunkt der Ausstellung liegt, nicht. So hat Ausstellungsmacher Lutz S. Malke sie alle versammelt, die Liebesnarren, Hofnarren, Tölpel und Dorftrottel. Einheitlich ist nur ihre Kleidung, die schon ein Sinnbild des Komischen ist: Im kurzen und bunten Flickenkleid mit viel zu weiten Ärmeln, unten zipfelig und mit Schellen besetzt, stolpern die Narren mit überlangen Schnabelschuhen durch die Illustrationen des späten Mittelalters, die Kappe auf dem Kopf. Schon damals war diese Tracht eine veraltete Modetorheit, erschien grotesk und weckte die Spottlust der Bevölkerung. Opfer des Hohns waren zumeist die so genannten natürlichen Narren, die durch körperliche Gebrechen oder Einfalt leichte Opfer waren. Narren repräsentierten wohl die niederen Volksschichten, doch konnten sie vom bloßen Volksbelustiger durchaus zu Vertrauten und Ratgebern der Mächtigen am Hofe aufsteigen: als weise Menschenkenner, die durch reflektierende Bemerkungen die unter der Oberfläche verborgene tiefere Wahrheit offenzulegen vermochten.

Dass ihre spottende Wahrheit nicht immer angenehm gewesen sein muss, zeigt ein Kupferstich von Jacob van der Heyden von 1629. Unter einem optisch verzerrten närrischen Doppelkopf heisst es "Unser sint drei". Und während der Betrachter nah an das Bild herantritt und es von scharf links betrachtet, um die Verzerrung aufzuheben, wird die Frage, wer denn nun eigentlich der Dritte im Bunde sei, überflüssig.

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