Ausstellung : Der Mensch im Tier

„Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig.“ Treffender lässt sich das komische Potenzial der Tierfotografie nicht beschreiben. Der Satz von Elias Canetti wird in Stefan Moses’ Ausstellung „Das Tier und sein Mensch“ im Kunstforum der Volksbank nicht nur zitiert, sondern auch anschaulich bestätigt.

Kolja Reichert

Wenn der Zoologe Bernhard Grzimek und sein Schimpanse für Moses zusammen posieren oder Mädchen und Löwin auf einem seiner Fotos einträchtig nebeneinander schlafen, schwinden die Grenzen zwischen Tier und Mensch derart, dass man sich fast darüber wundert, je angenommen zu haben, die beiden sprächen nicht dieselbe Sprache.

Stefan Moses gesteht den Tieren mindestens so viel Würde zu wie ihren Haltern. Das ist nicht nur tröstlich in einer Zeit, da etwa in Paris ganze Edelrassen im Tierheim landen, sobald sie als Lifestyle-Objekte out sind. Es macht auch den Witz vor allem von Moses’ Porträts aus: Die Porträtierten stellt er immer in Beziehungen dar, und die Tiere sorgen dabei für einen Verfremdungseffekt, der diese Beziehung als eigentlichen Gegenstand des Bildes sichtbar macht.

Brechts Gastspiele in Weimar inspirierten den jungen Theaterfotografen Moses einst zu eigenen epischen Verfremdungskünsten. In den fünfziger Jahren stieg er zu einem der führenden Bildjournalisten der jungen Bundesrepublik auf und schrieb sich vor allem mit seiner Serie „Die Deutschen“, mit der er die Porträtfotografie August Sanders neu belebte, als Chronist tief in das westdeutsche Gedächtnis ein. Mancher dieser Klassiker ist auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen.

Nun haben wir es hier freilich mit dem – Pardon! – banalsten Interesse dieses großen Fotografen zu tun: der Tierfotografie. Es ist nicht schwer, diese Bilder zu mögen. Tiere mögen ja die meisten. Ein Umstand, dem das begleitende Taschenbuch mit altmodischer Gestaltung und verkitschenden Literaturzitaten Rechnung trägt. Auch stilistisch ist Moses’ Werk der alten Bundesrepublik verbunden, der stillen Alltagskomik von E. O. Plauens „Vater und Sohn“-Geschichten und der Sketche von Loriot, der das Vorwort zum Buch beisteuert. Spannend ist jedoch, welch unterschiedliche Facetten Stefan Moses dem populären Thema abgewinnt.

Bei einer Viehhirtenidylle oder den Dackelbabys am Milchnapf ist die Grenze zur Kalenderfotografie zwar überschritten, es gibt aber auch das Schlachtpferd, das den Kopf aus dem Eisenbahnwaggon streckt, nicht wissend, dass sein Todesurteil mit Kreide auf der Tür geschrieben steht. Oder die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim in einer venezianischen Gondel, nachtfalterbebrillt, von einem Pelz umschlungen, zwei Lhasa-Hunde zur Seite. Das ist nicht nur ein unübertreffliches Porträt, es wirft auch Fragen nach Respekt und Dekadenz auf.

Übrigens, es heißt ja, Hundehalter würden sich ihren Tieren physiognomisch angleichen. Man sehe sich da mal Moses’ Taubenzüchter an! Im August feiert Stefan Moses seinen 80. Geburtstag. Sein Gesundheitszustand erlaubte es ihm nicht, zur Vernissage zu kommen, und vielleicht ist dies ja die letzte Einzelausstellung, die er selbst mit vorbereitet hat. Sie ist die heitere Version einer Retrospektive, die wie nebenbei alle Schaffensphasen des großen Fotografen Stefan Moses Revue passieren lässt.

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Str. 35, bis 24. August; täglich 10– 18 Uhr

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