Ausstellung : Der Zeitgenossenlose

Auf der Suche nach Arkadien: Hans von Marées’ Sehnsuchtsbilder in der Alten Nationalgalerie.

Bernhard Schulz

Hans von Marées war ein schwieriger Charakter. Er fühlte sich verkannt, er beklagte das Fehlen von Mitstreitern; und es genügte ihm nicht, was er schuf.

Kein ganz ungewöhnliches Schicksal also; und auch die „Sehnsucht nach Gemeinschaft“, die die Ausstellung der Alten Nationalgalerie im Untertitel führt, gehört zum Ringen um eine neue Kunst. Hans von Marées, diesen heute aus der Wahrnehmung gefallenen Künstler, nun aber gleich im Titel mit diesem Aspekt zu belasten, damit sich die Ausstellung in den Zusammenhang der Veranstaltungen zum „Kult des Künstlers“ einfügt, verengt den Zugang zu seinem Werk.

Ausstellung der Fresken

Es ist keine Retrospektive, die Kuratorin Angelika Wesenberg eingerichtet hat. Das Spätwerk der programmatischen Dreitafelbilder ist seit Jahrzehnten nicht mehr ausleihbar, und die umfassende Berliner Sammlung ist durch erhebliche Kriegsverluste dezimiert. So konzentriert sich die Ausstellung auf den lichten Augenblick der Fresken für die Zoologische Station in Neapel, die Marées zwischen Mai und November 1873 schuf. Unter den zahlreichen Vorstudien besitzt die Nationalgalerie mit den „Ruderern“ die schönste und monumentalste, wie überhaupt die Ausstellung erahnen lässt, wie einmal der „Marées-Saal“ in eben jenem Obergeschoss der Alten Nationalgalerie gewirkt haben muss, in dem sie selbst jetzt Einzug gehalten hat.

Marées strebte nach einer idealischen Menschendarstellung, nach der Einbettung des Lebens in den Kreislauf der Natur. In den Berliner „Lebensaltern (Orangenbild)“ von 1877/78 ist dies beispielhaft geglückt. Da pflückt der reife Mann die Orangen als „Früchte des Lebens“, während der Jüngling sinnend beiseite steht und der Greis nach einer hingefallenen Frucht langt. Die Landschaft ist arkadisch. Mit blauen Hügeln und einzelnen Bäumen ruft sie die Renaissance auf. Nie geht es Marées um Abbilder, stets um Sinnbilder; an eine „Harmonie parallel zur Natur“, wie Cézanne gesagt hat.

Oft verglichen mit Cézannes

Mit der Formensuche Cézannes ist denn Marées auch oft verglichen worden, ebenso wie mit dessen Schwierigkeiten, ein Bild jemals zu vollenden. Marées hat manche seiner späten Bilder durch Übermalungen verdorben, und ob sie so schwärzlich dunkel sein sollten, wie sie heute in Münchens Neuer Pinakothek zu sehen sind, muss dahingestellt bleiben.

Vor gut zwanzig Jahren hat München eine Retrospektive seines Werkes veranstaltet, der gegenüber die Berliner Ausstellung fragmentarisch bleiben muss. Marées starb 1887 mit 50 Jahren vergessen in Rom. Sein Ruhm begann erst nach der Jahrhundertwende, mit der Biografie von Julius Meier-Graefe. Vor allem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fanden seine Idealbilder des Menschen eine Verehrung, die zu den Thesen, die Gerd Blum im Berliner Katalog über die Nähe zur borussisch-militaristischen Färbung der bürgerlichen Eliten des Kaiserreichs aufstellt, beinahe zwangsläufig führen.

Doch Werk und Wirkung fallen nie in eins. Marées reagiert auf die gewaltsam hereinbrechende Moderne, er flüchtet geradezu nach Italien, wirft seine Lebensprobleme auf das vermeintliche Arkadien, das er in Neapel imaginiert.

Marées der konventionelle Maler

So fremd die erzwungene Idealität seiner Gemälde und Statuen wirkt, so eindrucksvoll kommen in Berlin die Porträts zur Geltung. Der Maler selbst mit gelbem Strohhut: Das ist der korrekt gekleidete „Herr“ seiner damaligen Zeit von 1873. Marées Mäzen Konrad Fiedler 1879: gleichfalls ein Großbürger im Habitus der Zeit. Und selbst in den Neapler Fresken sind Zeitgenossen versammelt, jener Männerbund, den Marées sich erhoffte. Zeitgenosse ja – aber kein Moderner, wie Peter-Klaus Schuster, der spiritus rector des Künstler-Kult-Programms, im Katalog leichthin unterstellt. Verglichen mit den Franzosen – und das ist ein Vergleich, der für den scheidenden Direktor des Hauses noch stets über den Rang eines Künstlers entschieden hat! – ist Marées ein konventioneller Maler. „Das sein ganzes Schaffen bestimmende Ideal“, so Christian Lenz schon vor zwanzig Jahren, sei „unmodern“ und habe „keine Verbindung zu den bedeutenden Werken der Zeitgenossen“.

Und die Neapler Fresken? Sie sind der abwesende Mittelpunkt der Berliner Ausstellung, auch heute nur den wenigsten Kunstfreunden aus eigener Anschauung bekannt. Es ist, als ob Marées seinem einsamen Schicksal niemals entrinnen kann.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, bis 11. Januar. Katalog 19,90 €

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