Kultur : Ausstellung: Der Zirkus blieb geschlossen

Katrin Bettina Müller

Sie rast auf ihrem Tretroller hinter einem Mann her, der sich dürr über sein Rennrad krümmt. Neben ihr tanzt ein Schwein, vorne hecheln sich zwei Hunde durch die Liebe. Ein Mann mit Peitsche und Zylinder schaut gelassen dem Aufbau einer Pyramide zu, deren oberster Artist sich klein zusammenquetschen muss, um noch auf das Blatt zu passen. Denn geradezu lustvoll missachtete der junge Künstler Rudi Lesser, als er diesen "Zirkus" in die Radierplatte kratzte, Gesetze der Komposition. Das Leben selbst sprengte 1926 die Formate, und die Künstler spießten die Fetzen auf Papier.

Nie wieder war so viel Groteske, Fabulierlust, Grausamkeit und Gedränge auf den Radierungen von Rudi Lesser wie in den zwanziger Jahren. Seine frühesten Graphiken sind malerisch dicht, voller Schwärzen und Schraffuren, der Raum angefüllt mit Bewegung. Er illustrierte den Don Quichotte und Legenden aus dem Talmud, ließ klobige Ringkämpfer übereinander herfallen wie hirnlose Monster, malte sich Begrüßungsrituale von Kannibalenfürsten und Gewimmel von Mensch und Tier auf orientalischen Märkten aus. Lesser hatte 1919 bei Ludwig Bartning an der Kunstgewerbeschule sein Studium begonnen und schloss es 1931 an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst ab. Vom jungen Meisterschüler kaufte das Kupferstichkabinett 1928 fünf Radierungen. Klaus Märtens, der die Ausstellung zum 100. Geburtstag Lessers eingerichtet hat, weist stolz eine Kopie des Erwerbungs-Protokolls vor: Nach Einkäufen bei Nierendorf und aus den Ateliers von Liebermann und Corinth wurden die letzten hundert Mark bei Lesser angelegt.

1933 wurde sein Atelier von einem Nazi-Kommando verwüstet. Er sah sich damals, erzählte er später seinem Galeristen, als Kommunist verfolgt und flüchtete nach Dänemark. Lesser war Deutscher und protestantisch getauft, musste sich aber trotzdem, als die Deutschen Dänemark besetzten, als Sohn einer jüdischen Mutter bedroht fühlen. Sein Sohn Kurt Lesser, der im Exil geboren und nach dem Tod der Mutter alleine mit seinem Vater blieb, erinnert sich an die Zeit der Fluchten und Umzüge: von Dänemark nach Schweden, 1946 von Schweden nach New York, 1956 von New York nach Berlin.

Wie sich Lesser in den USA gefühlt hat? Eine einzige Lithographie, "Kleiner Mann in großer Stadt" von 1965 lässt Alptraumhaftes vermuten. Der Blick stürzt steil an den monotonen Rasterfassaden von Wolkenkratzern vorbei nach unten und trifft auf einen schwarzen Fleck, der wild mit Armen und Beinen rudert. Auch im Berlin der sechziger Jahre war es für Lesser nicht leicht, sich zu positionieren. "Berliner Stille" vermeldet das Protokoll des Sohnes, der sich im Katalogheft zur Ausstellung an seinen Vater erinnert. Er lässt die Bitterkeit eines Realisten durchblicken, der einmal politisch vertrieben wurde und nun im kalten Krieg der Künste schon wieder ins Abseits verwiesen wird. "das Abstrakte läuft gut", rät ihm ein Kollege, er solle jetzt farbige Kugeln malen. "Das war Ernst Willhelm Nay", vermutet der Galerist, denn die beiden Künstler kannten sich noch aus der Vorkriegszeit. Die Porträts erzählen von der Einbindung des heute fast vergessenen Künstlers in die Szene der zwanziger Jahre. Hier hatte er Alfred Döblin und Fritz Heinsheimer radiert. Auch in New York hatte er gute Kontakte: York Lotte Jacobi fotografierte Lesser 1952 und stellte seine Arbeiten in ihrer Galerie aus. Die späteren Radierungen, die meist Freude oder die Familie zeigen, beschränken sich oft auf feine, fast zaghafte Umrisslinien. Die Menschen strahlen Ruhe aus und ein kostbar gewordenes Gefühl von Heimat nach den Brüchen des äußeren Lebens. In "Leopoldine mit Patsy", um 1958, hat ein Hund den Kopf in den Schoß einer älteren Frau mit Schürze gelegt, Dächer einer Kleinstadt im Hintergrund lokalisieren die Szene. Leopoldine war Lessers Mutter, die im New Yorker Exil als Gesangslehrerin gearbeitet hatte. Ihr Hund Patsy gehörte als schnellster Hund des Central Park zur amerikanischen Lebensphase der Familie.

Die Galerie Taube stellte Lesser 1975 schon einmal vor. Damals regte Märtens den Bildhauer Heinz Willig zu einem Porträt von Lesser an. Die kleine Skulptur wurde aus der aktuellen Ausstellug gestohlen, steht inzwischen aber wieder auf ihrem Platz: Der Dieb konnte identifiziert werden, und die Skulptur wurde von einem Käufer zurückgebracht. Jetzt gehören die Kommissare des Referats Kunstdelikte im Gästebuch der Galerie zur Geschichte des 1988 verstorbenen Künstlers.

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