Ausstellung : Die Grashüpferin

Wasser für die Wiese: Phoebe Washburns Installation in der Deutschen Guggenheim Berlin.

Nicola Kuhn

Nach Jeff Koons, Gerhard Richter, James Rosenquist und John Baldessari ist diese Wahl ein wirklich neuer Schritt. Nicht an eine Größe des Betriebs ging diesmal die jährliche Auftragsarbeit der Deutschen Guggenheim, sondern an eine junge Nachwuchskünstlerin aus New York, von der man hierzulande wenig kennt. Prompt bekommt der Besucher Unter den Linden keine klassischen Gemälde zu sehen, sondern die edle Galerie verwandelt sich in eine Fabrik. Dort rumpelt es im Kreisverkehr, wie man es von eher romantischen Fließband-Szenarien her kennt. Doch das Produkt ist nicht etwa Kunst, sondern Gras. Phoebe Washburn meint es ernst: Ihre Fabrik ist eine hochkomplexe Skulptur, in der sich Mechanisches und Organisches vereint. Wer ihre „Regulated Fool’s Milk Meadow“ von dieser Seite sieht, entdeckt ein verrücktes, kluges und sogar schönes Werk, das sich einer eilfertigen Deutung entzieht.

Verblüffung ist die erste Reaktion, wenn man die Deutsche Guggenheim betritt. Links stapeln sich Beutel mit Gartenerde, rechts ist ein improvisiertes Gewächshaus angelegt, wo die ersten Graskisten gedeihen. Die ganze Länge der Galerie hinunter erstreckt sich die eigentliche Fabrik, ein hölzernes Ungetüm, abgedeckt mit Hunderten Schindeln, das sich nach hinten langsam in die Höhe zieht, als wär’s ein sanfter Hügel. Der Blick durch Plexiglasscheiben hinein ins Innere verrät das Prinzip: Hier werden die Graskisten hintereinander mit Motorantrieb vom Licht zum künstlichen Regen und weiter zum Wind geschoben. Dann verfrachtet ein Gärtner die Grasnarben aufs Dach, wo sie ohne Licht und Wasser verkümmern werden. Die Sinnlosigkeit des Unterfangens ist programmiert. „Regulated Fool’s Milk Meadow“ ist ein Organismus, der sich selbst absorbiert. Die Absurdität steckt schon im Titel: Regulierte Narrenmilch-Wiese. Verrückte Poesie, die im Widerspruch zu dem Bombast der Installation steht.

Genau dies ist das Arbeitsprinzip der jungen Bildhauerin, die mit ihren gigantischen Environments auf Überwältigung setzt und zugleich eine zauberische Komponente anstimmt. Auch wenn sie Aberhunderte von Holzstücken, Papprollen, Schellenschrauben verbaut, so besitzen ihre absurden Konstruktionen doch immer Fragilität. Schiere Maßlosigkeit trifft hier auf Spontaneität, ungebremste Sammelleidenschaft auf exzessive Baulust – das Ergebnis sind Installationen, die scheinbar nichts zusammenhält und die doch einer manischen Ordnung folgen.

Mit „Regulated Fool’s Milk Meadow“ hat die 35-Jährige innerhalb ihres eigenen Werks einen Weg gefunden, der die Idee des Recyclings, der Vergänglichkeit nochmals thematisiert. Phoebe Washburn ist besessen von der Idee der Wiederverwendbarkeit. So schleppt sie Unmengen von Holzabfällen von den Straßen New Yorks in ihr Atelier. „Irgendwo draußen wartet etwas auf dich, es gehört dem ersten Finder, und wenn du es nicht auf der Stelle mitnimmst, ist es später garantiert weg“, beschreibt sie ihre Angst. Nun aber hat sie den Prozess der Verwertung, des Werdens und Vergehens in ihr Werk selbst hineinverlegt.

Es ist kein Zufall, dass auf der Documenta und bei den Skulpturenprojekten in Münster Arbeiten, die sich mit Natur und Gesellschaft beschäftigen, zu den beliebtesten gehören. Dem Mohnfeld vor dem Fridericianum und den Reisterrassen unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe war allerdings zunächst nur wenig botanisches Glück beschieden. Der Mohn wollte nicht blühen, der Reis trocknete aus. Die Poesie ging verloren, mit der eigentlich politische Fragen eingeleitet werden sollten. Und in Münster weckte ein künstlich angelegter Trampelpfad querfeldein vor allem Fluchtgedanken. Phoebe Washburn hingegen bleibt mit ihrem Naturschauspiel von vornherein im geschlossenen Raum, und der Besucher denkt sich seinen Teil. Derweil dreht sich das Gras eine weitere Runde im Kreis.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 14. Oktober; tägl. 11 – 20 Uhr, Do bis 22 Uhr.

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