Ausstellung : Die keuschen Sünder

Mehr Kitsch wagen! Die Pop-Artisten Pierre et Gilles bei C/O Berlin setzen auf Plastikblumen und gemalte Hintergrundlandschaften mit Felsen. Das größte Wagnis: das Porträt eines hübschen KZ-Häftlings mit der Nummer 25439 und einem rosa Winkel.

Frank Noack

Wer das Wesen des Kitsches ergründen möchte, der kommt an Pierre et Gilles nicht vorbei. Kitsch ist der Lebensinhalt dieses Künstlerpaars. Konsequent erfüllen sie das Kriterium der zur Schau gestellten Künstlichkeit, wenn ihre Modelle im Studio posieren, zwischen gemalten Hintergründen und Plastikblumen. Die Arbeitsweise ist seit dreißig Jahren unverändert, es gibt bei Pierre et Gilles keine gelbe oder blaue Phase, auch kommt für sie weiterhin keine digitale Bearbeitung infrage. Den letzten Schliff versehen sie immer noch mit der Hand. Fast 90 ihrer Arbeiten werden ab dem heutigen Freitag in der Galerie C/O Berlin in der Oranienburger Straße ausgestellt. Das Paar wird persönlich zur Eröffnung erscheinen.

Die auf zwei Etagen verteilte Präsentation ist von erfreulicher Schlichtheit: kahle Wände, kein Plüsch. Das muss auch so sein, denn der Kitschanteil in den Bildern reicht aus. Pierre Connoy, Jahrgang 1950, ist Fotograf, der drei Jahre jüngere Gilles Blanchard ist Maler. Dem entspricht die Arbeitsteilung bei ihren Werken: Nachdem Pierre seine Fotos entwickelt hat, werden sie von Gilles retuschiert und koloriert. Eins ihrer Markenzeichen ist die dickflüssige weiße Träne. Dabei sind die wenigsten ihrer Bilder sentimental, die meisten sind frech, pornografisch, blasphemisch. Eine aufgemalte Träne wirkt da eher parodistisch.

Während Pierre sich mit Selbstauskünften zurückhält, macht Gilles kein Geheimnis aus dem Ursprung seiner Obsessionen. Er kommt aus einem streng katholischen Elternhaus in der westfranzösischen Provinz und war Messdiener. Dann entdeckte er die Liebe zum eigenen Geschlecht und zur schwulen Pornografie. Später kam noch das Interesse an der Seefahrt hinzu. Vom Schiffs- und Hafenmilieu sind die beiden so sehr besessen, dass sie in ihrer eigenen Wohnung – im Pariser Arbeitervorort Pré-Saint-Gervais – eine Reling aufgebaut haben, dekoriert mit Rettungsringen.

Ihre Verbindung von religiöser und pornografischer Ikonografie ist nicht bewusst blasphemisch. Pierre et Gilles wollen nicht provozieren, sie finden religiöse Motive einfach nur sexy. Auf keinen Fall wollen sie wehtun, und ihnen fehlt der Sinn fürs Makabre, der das zehn Jahre ältere britische Künstlerpaar Gilbert & George auszeichnet. Sie kokettieren eher mit der Tabuverletzung, wie ein Jugendlicher, der auf einer Familienfeier kurz die Hosen herunterlässt.

Die Nacktheit ihrer Modelle wirkt niemals aggressiv, es ist die Nacktheit von Plastikpuppen. Weiches Licht und starre Posen, die Abwesenheit von Pickeln und Krampfadern – bei Pierre und Gilles werden nackte Körper mithilfe der Retusche bedeckt.

Man vermisst auch intensive Gefühle wie Liebe, Hass oder Schmerz. „Le marin au bûcher“ (1998) zeigt einen Matrosen auf dem Scheiterhaufen. Er ist an einen Holzmast gefesselt, das Gestrüpp zu seinen Füßen brennt, aber der Matrosenanzug scheint von den Flammen unberührt, und ein trauriger Blick ist das Äußerste an Emotion, was man von dem Mann zu sehen bekommt. Er hält ein Kreuz in der Hand, im Hintergrund gleitet ein Segelschiff übers Meer.

Als besonders ergiebig erwies sich die Zusammenarbeit von Pierre et Gilles mit Nina Hagen. Wenn zwei schrille Künstler auf eine schrille Rocksängerin stoßen, erwartet man eine multiplizierte Geschmacklosigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Nina Hagen als Domina in schwarzem Lack, an einen Stuhl gefesselt, umgeben von symmetrisch arrangierten Vorhängen und Blumentöpfen – dieses 1993 hergestellte Bild mag ein Zuviel an Ideen enthalten, doch die Umsetzung verrät den Meister. Dank seiner reduzierten Farbpalette ist das Bild ein Musterbeispiel für kontrollierten, durchdachten Kitsch.

Im C/O Berlin werden die Arbeiten chronologisch präsentiert. Dabei wird deutlich, dass sich trotz gleichbleibender Technik und wiederkehrender Motive etwas verändert und entwickelt hat. Die Bilder sind im Format größer geworden, zu ihrem Vorteil. Die Detailfülle verlangt einen entsprechenden Rahmen. Außerdem ist die hohe See als Lieblingsmotiv vom Müllhaufen abgelöst worden. Es versteht sich von selbst, dass im Müll ein paar Kitschgegenstände herumliegen.

Das größte Wagnis ist das Porträt eines hübschen KZ-Häftlings mit der Nummer 25439 und einem rosa Winkel. Er blickt durch einen Stacheldrahtzaun und weint, während im Vordergrund ein Dutzend Kerzen brennen. Das Bild ist nicht geschmacklos, wegen der formalen Strenge, in der es gehalten ist.

Die Plattencover und Titelseiten von Pop-Magazinen, mit denen die Karriere von Pierre et Gilles begann, sucht man in der Ausstellung vergeblich. So sehr sie auch mit der Sünde kokettieren – an ihre künstlerischen Jugendsünden möchten die zwei offenbar nicht erinnert werden.

- C/O Berlin, Oranienburger Str. 35/36 (ehemaliges Postfuhramt). Die Ausstellung wird heute um 19 Uhr eröffnet und läuft bis zum 20. September. Täglich 11–20 Uhr.

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