Kultur : Ausstellung: Die lange Reise des St. Viktor

Michael Zajonz

Wunder dauern etwas länger. Der mittelalterliche Kirchenschatz von St. Viktor in Xanten gastiert im Berliner Kunstgewerbemuseum. Der internationale Ausstellungszirkus hat auch das Mittelalter fest im Programm. In diesen Tagen buhlen allein in Deutschland zwei spektakuläre Großausstellungen mittelalterlicher Pretiosen um die Gunst des Publikums: Magdeburg bietet mit "Otto der Große, Magdeburg und Europa" eine fulminante Leistungsschau illuminierter Codices und Elfenbeintafeln aus ottonischer und karolingischer Zeit. Das DomMuseum Hildesheim - spätestens seit der Bernward-Ausstellung von 1996 ein Begriff - kontert etwas kleiner, aber ebenso fein, mit einer Schau zur romanischen Kunst des 12. Jahrhunderts. Die Staatlichen Museen zu Berlin scheinen an zusätzlichen Besucherzahlen in sechsstelliger Größenordnung kein Interesse zu haben - zumal das wie eingemottet wirkende Kunstgewerbemuseum spielt in einer anderen Liga.

1992 feierte eine sehenswerte Ausstellung den wiedervereinigten Quedlinburger Kirchenschatz. Seitdem ist in der schamroten Kiste am Kulturforum Ruhe erste Kustodenpflicht. Doch nun hat man mit "Der Schatz von St. Viktor" eine seit Jahren tourende Wanderschau mittelalterlicher Schatzkunst aus dem Xantener Stiftsmuseum ins Haus geholt. Und siehe: Auch in der unfrohen Dämmerung des GutbrodBaus wird es gleich etwas lichter.

Das ist allerdings kein echtes Wunder, da Xanten zu den Zentren sakraler Kunst am Niederrhein gehört. Der 1263 begonnene Dom, ursprünglich eine am Kölner Vorbild orientierte Stiftskirche, hat bis in die Spätantike zurückreichende Vorgängerbauten. Der Legende nach soll Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, die erste Kirche über dem Grab des Hl. Viktor, eines als Märtyrer gestorbenen römischen Offiziers, gestiftet haben.

Sein Kult ließ den Kirchenschatz über Jahrhunderte hin zu einem der bedeutendsten in Deutschland anwachsen. Dass die Verehrung des Heiligen bis heute lebendig ist, erfährt man in einem Videofilm: Alljährlich um den 10. Oktober wird der so genannte Kleine Viktorschrein, ein knapp schuhschachtelgroßer bronzener Reliquienbehälter des 12. Jahrhunderts, in feierlicher Prozession durch die Stadt getragen. Das kostbar durchbrochene Stück steht nun in der Ausstellung. In wenigen Wochen wird er für ein paar Tage nach Xanten zurückkehren.

Es ist gerade diese Art von Anschaulichkeit, die ein Ensemble von 60 Objekten zum Ereignis macht. Neben hochrangigen Goldschmiedearbeiten findet sich ein feuerrotes Klapplesepult aus Schmiedeeisen; einer Handvoll Skulpturen sekundiert ein geschnitzter spätgotischer Handtuchhalter. Prominentestes Stück der exquisiten Auswahl mittelalterlicher Textilien ist die Kasel - das vom Priester zur Messe getragene Übergewand -, in der der Hl. Bernhard von Clairvaux 1147 zum 2. Kreuzzug aufrief. Das Berliner Museum stellt ihr jene Stoffprobe zur Seite, die der berüchtigte Textilsammler Franz Bock ("ScherenBock") im 19. Jahrhundert abgeschnitten hatte.

Zwei komplette "Kapellen", bestehend aus Chormantel und Kasel sowie den Dalmatiken für Diakon und Subdiakon, lassen etwas vom aufreizenden Prunk der Messfeier im ausgehenden Mittelalter erahnen. Dass solch vergängliche Pracht nicht nur Geistlichen vorbehalten blieb, zeigt eine mit Seide, Perlen und Metallfäden bestickte Almosentasche, die eine vornehme Pariserin um 1350 zum Kirchgang begleitet hat - haute couture der Minnezeit. Als Reliquienbehälter hat sie überdauert. Und das sieht schon eher wie ein kleines Wunder aus.

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