Ausstellung : Die Meister sind nackt

Berlin brodelt in Harald Metzkes’ Gemälden der Wendezeit. Zu sehen im Ephraim-Palais.

Jens Hinrichsen

Sie schwingen die Fäuste, packen sich am Ohr und an den Haaren. Hinter dem verkeilten Männerduo halbiert ein Fensterkreuz das Brandenburger Tor, das fast entzweibricht. In die gedämpfte Farbpalette, die viel von der Ost-Berliner Tristesse verriet, brachen mit dem Mauerfall kräftigere Töne ein: Energie, Streitlust, Lebensfreude. Der Maler war immer dicht am Puls seiner Stadt, in bleiernen und beschleunigten Zeiten.

Jetzt hat der 78-Jährige den Hannah-Höch-Preis erhalten. Im Ephraim-Palais werden aus diesem Anlass 55 Gemälde aus fast 60 Schaffensjahren gezeigt. Doch auch die Neugier auf Kommendes wird geweckt: Ganz neue Metzkes-Bilder unterstreichen sein Faible für Charaktere der Commedia dell’Arte, die neben Don Quichotte zu den Lieblingsfiguren seines nie leicht konsumier- und deutbaren Welttheaters gehören.

Ein entschlossener Nachwuchskünstler blickt aus dem „Selbstportrait mit Pfeife“ (1949). Da hat Metzkes seine Studienjahre in Dresden und Ost-Berlin (bis 1953) noch vor sich. Und die Zeit der „Berliner Schule“, einer ideologiefernen Künstlervereinigung, die vielfach in Opposition zum Dogma des sozialistischen Realismus gerät. Vor allem Metzkes’ „schwarze Periode“ gegen Ende der fünfziger Jahre, mit deutlicher Orientierung an Max Beckmann, bringt ihm Ärger mit den DDR-Kulturbonzen ein. Dazu zählt der „Abtransport der sechsarmigen Göttin“ (1956): Eine fernöstliche Statue wird für den Seetransport verladen, drumherum Gewalt, Gefesselte, Tote. Wie oft in Metzkes Kunst des Metarealismus bleibt der Inhalt vielschichtig, offen, im Gegensatz zur eher tatsachenbezogenen Metaphorik der Leipziger Figurativen Mattheuer, Heisig und Tübke.

In den Sechzigern wandelt sich Metzkes’ Malstil, lösen sich die zuvor messerscharfen Konturen auf, die Pinselschrift wird lockerer, manchmal fast impressionistisch, ohne die tonig-elegischen Farbklänge aufzugeben. Vor nebulös-blaugrauem Hintergrund harrt „Das Pferd“ (1968) der Dinge, die nicht kommen werden. Verloren, verletzlich wirken auch die neun Professoren der Ost-Berliner Akademie der Künste, darunter Fritz Cremer und John Heartfield, die Metzkes 1965 im Bild gruppierte. Die Meister sind splitternackt. Weil der Maler befürchtete, die Darstellung könnte als Karikatur missverstanden werden, verblieb sein wohl seltsamstes Gemälde 40 Jahre lang im Bilderlager. Doch gerade weil sie Rätsel aufgibt, ist Metzkes’ Kunst so frisch geblieben. Jens Hinrichsen

Ephraim-Palais, Poststraße 16, bis 17.2., Di–So 10–18, Mi 12–20 Uhr.

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