Kultur : Ausstellung: Die Poesie der Leere

(RoB)

Die wüste Wüste von Berlin-Mitte und der Fotograf Ulrich Wüst sind eine Allianz, die bereits zehn Jahre währt. Mitte hat aufgehört wüst zu sein, woraufhin der Fotograf sein Jagdgebiet in seine Geburtsstadt Magdeburg verlegte. Seltener geworden sind sie hier wie dort, die aufgegebenen Grundstücke und diese Hinterhöfe in kruder Wellblechästhetik, begrenzt von Sichtbetonflächen. Doch besonders die Gegend um die Magdeburger Speicherstraße zeugt noch von der einstigen Bedeutung der ehemaligen Bezirkshauptstadt als Zentrum der Schwermaschinen, des Anlagenbaus und als größter Binnenhafen der DDR. Auch wenn sich das Gesicht der Stadt inzwischen wandelt, wird Wüst jenseits des flächendeckend mit Shopping Malls und Kaufhäusern zugestellten Zentrums noch fündig. Wüst hingegen lenkte seinen Blick auf die Peripherie der alten Domstadt, auf die jüngst entstandenen Ruinen, etwa das was nach Abwicklung des Schwermaschinenkombinats Ernst Thälmann in Agonie versank: sozialistische Nachkriegsarchitektur als Industriedenkmal. Der Lange Heinrich, der Schornstein des Werks, steht noch, der Rest ist Brache. Eingangsgebäude aus DDR-Zeiten führen ins Nichts, manche haben sich mit Wellplastik verkleidet und mit neuem Briefkasten in den Kapitalismus hinübergerettet. Was an Wohnhäusern, Werkshallen und flachen Behelfsbauten der Nachkriegszeit noch steht, verdankt sein Überleben purem Desinteresse. Es sind unscheinbarste Winkel, die niemand eines Blickes würdigen würde. Wüst hingegen entdeckt in ihnen eine unerwartete, wenn auch rauhe Schönheit. Die Gewissheit, dass seine Objekte Leichen sind, macht Wüst zum Fortsetzer einer Genre-Tradition: Fotografen wie Eugène Atget hielten das alte Paris in den zwanziger Jahren fest, als es im Begriff war zu verschwinden. Auch Wüst nimmt dem Veralteten noch einmal die Totenmaske ab. Das gilt für Magdeburg so gut wie für Berlin. Man betrachte einmal Wüsts Aufnahmen von Berlin-Mitte aus den Jahren 1995 / 96 ( www.uinic.de/berlin-mitte , CD-ROM mit 260 Fotos in der Galerie 19,80 Mark). Sie zeigen den Angriff des Neuen auf eine abgewetzte Stadt. Eine Neumöblierung des Stadtraums kündigt sich an. Denn auch Immobilien können sich bewegen: Sie rutschen in den Orkus der Geschichte.Galerie Bodo Niemann, Rosenthaler Straße 40 - 41 (Hackesche Höfe), bis 18. März. Mittwoch bis Freitag 13-18 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr

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