Ausstellung : Die RAF ist Geschichte – und Gegenwart

Streit um eine Ausstellung: Über unseren Umgang mit der Rote-Armee-Fraktion.

Andres Veiel

Im Frühjahr 2003 hat in Boston an der HarvardUniversität ein Symposium stattgefunden. Titel: „The RAF´s Germany“. Dass die „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF) Teil der kollektiven deutschen Geschichte und Gegenwart ist, gilt in den USA längst als eine Selbstverständlichkeit. Ob eine deutsche Universität eine Veranstaltung mit gleichem Titel hätte durchführen können, muss angesichts der aktuellen Debatte zur „Aufarbeitung der RAF“ bezweifelt werden. Die RAF der 70-er Jahre hat sich in den letzten Jahren zu einer Pop-Ikone entwickelt. Andreas Baader und Ulrike Meinhof sind die neuen Helden der T- Shirt-Industrie. Die RAF ist Materiallieferant für unzählige Filme, Gemälde, Romane, Theaterstücke, Comics. Die RAF ist somit als Phänomen flächendeckend präsent.

Eine tiefere Reflektion der Geschichte der RAF und ihrer Gewordenheit wird dadurch eher versperrt. Die Chance der für 2004 in Berlin geplanten und jetzt bereits umstrittenen RAF- Ausstellung liegt darin, eben diesen Widerspruch zum Thema zu machen. Die Ausstellung wird in den Kunstwerken stattfinden – und nicht im Deutschen Historischen Museum. Eine Ästhetisierung und Fiktionalisierung des Phänomens RAF und ihr Widerschein in der Kunst aber setzen eine genau erstellte „faktische Kartografie“ voraus. Das eine braucht das andere.

Die Black Box des Nichtwissens ist gigantisch. Wir wissen immer noch nicht, ob das RAF- Mitglied Wolfgang Grams in Bad Kleinen durch eigene Hand oder durch Fremdeinwirkung ums Leben gekommen ist. Von der letzten, seit Mitte der Achtzigerjahre agierenden Gruppe sind nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld namentlich bekannt, die meisten der Attentate gelten als nicht aufgeklärt. In der Black Box nisten sich Legenden und Verschwörungstheorien ein. Das gilt auch für die Siebzigerjahre.

Einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte haben sich die meisten (ehemaligen) RAF-Mitglieder verweigert. Auch diejenigen, die sich ihren Erinnerungen stellen, tragen nicht unbedingt zur Erhellung der Black Box bei. Jüngstes Beispiel ist Peter Jürgen Boock, der in seiner „dokumentarischen Fiktion“ zur Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer wortreich verhüllt, was er zu beschreiben vorgibt. Aber auch staatliche Stellen sind bis heute weit davon entfernt, zur faktischen Aufarbeitung der RAF Erhellendes beizutragen. So sind etwa die Protokolle, die beim Abhören der Gespräche zwischen Verteidigern und RAF-Gefangenen in Stammheim angefertigt wurden, bis heute unter Verschluss.

Darin liegt die eigentliche Herausforderung der Ausstellung: einen Gegenstand zu erhellen, der sich in seinem Kern bis heute als nur begrenzt darstellbar erwiesen hat. Eine Brechung der Wahrnehmung durch das künstlerische Abbild des RAF-Phänomens öffnet Räume – und verschließt andere. Die Ausstellung hat die Chance, die Grenzen des Wissens und die Zonen des Verschweigens auszuloten und sichtbar zu machen.

Die Geschichte der RAF ist auch eine Geschichte der Opfer und ihrer Angehörigen. Die RAF hat sich angemaßt, Vertreter aus Wirtschaft und Politik zum Tode zu verurteilen. Einige dieser Repräsentanten sind nach ihrem gewaltsamen Tod Teil einer kollektiven Erinnerung, andere sind längst vergessen. Das ehemalige RAF-Mitglied Inge Viett beschreibt in ihrer Autobiografie, wie sie – noch im Untergrund – in Paris ohne Helm Motorrad fährt. Ein Verkehrspolizist beobachtet und verfolgt sie. In einem Parkhaus läuft sie auf ihn zu, er steht am Eingang, sie beschreibt seinen Blick als „dümmlich“ – und drückt ab. Er sitzt seitdem im Rollstuhl und ist für sein Leben gezeichnet. In ihrem Buch erwähnt sie, dass sie sich erst zehn Jahre nach dem Vorfall mit dem Schicksal des Polizisten „als gelähmter und abhängiger Mensch“ auseinander gesetzt hat.

Die weitgehende Ausblendung der Opferperspektive ist jedoch nicht nur ein Problem ehemaliger RAF-Angehöriger. Opfer sind, wie mir einmal ein auf RAF-Ikonen spezialisierter T-Shirt-Designer sagte, einfach „nicht sexy“. Eine durchdachte Ausstellungskonzeption braucht den Wechsel der Perspektiven. Opfer sind nicht nur Opfer: Ein Alfred Herrhausen und ein Hanns Martin Schleyer stehen auch für ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Sie lassen sich eben nicht auf ihre Funktion reduzieren, wie es die RAF immer wieder versucht hat. Auch ein Andreas Baader ist nicht nur ein Menschen verachtender Killer. Der biografische Zugang eröffnet einen widersprüchlichen Blick auf einen schillernden Lebensweg – mit zahlreichen Momenten von Nähe, Sympathie und damit Identifikation. Dieser Widerspruch ist die eigentliche Provokation; wenn er mit all seinen Irritationen nachvollziehbar wird, werden auch Angehörige der Opfer eine solche Auseinandersetzung akzeptieren können.

Zwischen diesen Aspekten steht die deutsche Geschichte, aus der beide, Täter wie Opfer, herauswachsen. Die Heftigkeit, mit der die Debatte um die Ausstellung geführt wird, zeigt, dass die Kampfschablonen der Siebzigerjahre noch immer in den Köpfen wirksam sind. Hier die Sympathisanten, die das Phänomen der RAF verharmlosen, dort die Panikmacher: Die RAF, das sind Killer, das ist eine Bande, sonst nichts. Gerade deshalb ist eine Ausstellung wichtig, die einen genauen zweiten Blick auf die RAF wirft, sowohl auf die historischen Wurzeln, die weit vor das Jahr 1968 zurückreichen bis hinein in die Lebensgeschichten der Väter und Großväter, als auch auf die Rolle des Staates und seiner Repräsentanten. Die einen projizierten in die Bundesrepublik das Phantom eines faschistoiden Staates, die anderen sahen umgekehrt in der RAF eine faschistoide Gruppe, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Auch diesen gegenseitigen Faschismus-Vorwurf kann eine Ausstellung jenseits der bekannten Schuldzuweisungen ergründen. Die jetzige Debatte zeigt: Die RAF ist nicht nur Geschichte. Sie ist Gegenwart.

Andres Veiel (43) lebt als Filmregisseur und Autor in Berlin. Für seine Dokumentation „Black Box BRD“ über den RAF-Terroristen Wolfgang Grams und den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, als Buch bei der DVA erschienen, hat er 2001 den Bundesfilmpreis bekommen.

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