Ausstellung : Drei Engel für Charles Manson

Was vom Grauen bleibt: Die Hamburger Kunsthalle erinnert an den Sektenführer Charles Manson und die Hippie-Morde von 1969 und zeigt deren Wirkung auf die Kunst.

Nicola Kuhn
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Gefährliche Idylle. Till Gerhards Manson-Family als »Wächter der Natur«.Foto: VG Bild-Kunst

Allüberall wird des 60. Jahrestages der Bundesrepublik gedacht, mit Festakten, Kolloquien, Ausstellungen. Nicht ganz. In der Hamburger Kunsthalle geht man nur vier Dezennien zurück. Dort steht 1969 als Wendepunkt obenan, als die Hippies der Blume des Bösen zu nahe kamen und in den USA die Flower-Power-Peace-Bewegung in Gewalttätigkeit umschlug; als zum Triumph der ersten Mondlandung plötzlich das Desaster des Vietnamkriegs kam.

Diese Koinzidenzen verdichten sich für die Kunsthalle in einem Namen, verkörpern sich in einer Symbolfigur: dem Sektenführer Charles Manson. Auf seinen Befehl wurden im August 1969 sechs Morde in Hollywood verübt, zu den Opfern gehörte die hochschwangere Polanski-Ehefrau Sharon Tate. „Vom Schrecken der Situation“ will die Ausstellung mit 35 Künstlern berichten. Zwar soll sie im Kellergeschoss des Ungers-Baus kein Horrorszenario sein, keine reine Nacherzählung der brutalen Geschehnisse von vor vierzig Jahren. Die Kunst vertritt hier das schlechte Gewissen, den ungebetenen Gast, denn was sich in den USA bei den Manson-Morden entlud, fand in der Bundesrepublik – so eine Ausstellungsthese – seine Parallele im Abdriften der Studentenbewegung in den Terror.

Frank Barth, der diese Zeit der Umbrüche als Student selbst erlebte, und sein 16 Jahre jüngerer Co-Kurator Dirck Möllmann haben mit ihrer Schau ein wildes Potpourri gewagt. Von Charles Manson ausgehend, den sie in seiner bis heute bestehenden Anziehungskraft als Schlüsselreiz benutzen, luden sie Künstler ein, sich des Themas Gewalt, gesellschaftliche Veränderung und sozialer Prozesse anzunehmen. Ein weites Feld, das dort seine stärkste Signifikanz erfährt, wo sich die Beiträge auf Manson selbst und seine Tod bringenden Engel beziehen, ansonsten nur vage bleibt. Ein Essay, nennen die beiden Kuratoren das dann.

So bestürmen den Besucher gleich im ersten Raum vollkommen diverse Arbeiten, die nur mit viel gutem Willen in einem Zusammenhang stehen. Von der Decke tropft es gelblich, auf dem Boden wird die sämige Flüssigkeit wieder hart: ein Requiem für all die Ermordeten aus Mittelamerika, denn die Substanz stammt vom Fett eines Toten aus einem mexikanischen Leichenschauhaus. Teresa Margolles liebt es, dem Besucher Schrecken der Erkenntnis einzujagen. Wirklich nahe geht Sigalit Landaus Video als nackte Hula-Hoop-Tänzerin am Strand von Tel Aviv, deren Reifen aus Stacheldraht gebildet ist und einen blutigen Kranz um die Hüften der Künstlerin hinterlässt. Nur gehört diese Metapher einer politisch brisanten Lebenssituation im Nahen Osten genauso wenig hierhin wie das Gedenken an die Gewaltopfer in Mittelamerika.

Es sei denn, man sieht alles in einer einzigen großen Verknüpfung, wie Rudolf Herz, der Hitler und Marcel Duchamp, die zufällig der gleiche Fotograf porträtierte, als „die heimlichen Antagonisten der Kunst“ schachbrettartig als Tapete an einer Wand vereinigte. Einen kleinen Bezug zu Manson gibt es hier dennoch: Auch dieser charismatische Verführer wäre gern Künstler gewesen; zu mehr als einer Probeaufnahme bei den Beach Boys reichte es jedoch nicht. Dafür sangen die von ihm entsandten Mörderinnen Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie van Houten 1970 bei ihrem Einzug ins Gerichtsgebäude die Hymne der Manson-Family: „Never Say Never to Always“.

Susanne Weirich erinnert an diesen abstrusen Auftritt mit einer Videoinstallation, in der sie Bilder der drei Täterinnen und der Darstellerinnen aus der TV-Serie „Drei Engel für Charlie“ zusammenschneidet. Auch das Filmtrio handelt im Auftrag einer höheren Macht namens Charles, nur befindet es sich auf der Seite der Guten. Bis heute sitzen die Manson-Girls und ihr Guru in kalifornischen Gefängnissen ein, Gnadengesuche werden abgelehnt, auch wenn sich Susan Atkins mittlerweile als „Wiedergeborene Christin“ wähnt. Die Geschichte von 1969 ist längst nicht ausgestanden. Der Mythos lebt. Kunst und Pop zehren davon.

Kunsthalle Hamburg, bis 26. 4.; Katalogheft 9 €

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