Ausstellung "Ein Paradies der Kinder" : Fantasieren über Fernost

"Für Puppen und nicht für Menschen geschaffen": Die Ausstellung „Ein Paradies der Kinder – Der westliche Blick auf Japan um 1900“ zeigt das Land als vermeintliches Kinderreich.

Carolin Haentjes
Die Realität. Kindermädchen, die selbst noch Kinder sind (um 1890).
Die Realität. Kindermädchen, die selbst noch Kinder sind (um 1890).Foto: Ausstellung

Wer hätte sie nicht genommen, Pippi Langstrumpfs Krummelus-Pille und dabei skandiert: „Niemals will ich werden gruß!“? Wer träumte sich nicht manchmal, nun doch erwachsen geworden, in die Kindheit zurück?

Die Idealisierung von Kindheit und Jugend – vor etwas mehr als hundert Jahren kam sie in Mode. Da glaubte man zu wissen, wo diese schönste aller Lebensphasen noch besser verlebt wurde, wo die Welt niedlicher, spielerischer, wie für Kinder gemacht, mit einem Wort: japanischer war. Auf der Insel in Fernost – um die Jahrhundertwende ohnehin ein Faszinosum nie-kolonisierter Ursprünglichkeit – vermutete man ein wahrhaftiges „Paradies der Kinder“. So formulierte etwa der Reiseschriftsteller Ernst von Hesse-Wartegg in einem Bericht 1897: „Dem europäischen Besucher Japans muß das ganze, ferne, schöne Inselreich wie ein einziger großer Kindergarten vorkommen. Alles scheint sich dort um die liebe, kleine, herzige Welt zu drehen. Die Häuser sind so klein und nett und zierlich, die Gerätschaften darin erinnern an Spielzeug, die Gärtchen rings herum sehen aus als wären sie für Puppen und nicht für Menschen geschaffen.“

Freilich handelte es sich bei der Vorstellung vom japanischen Kinderreich um ein europäisches Phantasma, produziert unter anderem in den Foto-Ateliers in Yokohama. Hier inszenierten europäische wie japanische Fotografen die Bilder, nach denen die Käufer in Übersee verlangten: daumenlutschende Babys in einem Meer aus Seidenkokons oder kleine Mädchen in Kimonos, Baby auf dem Arm, Ölpapierschirm in der Hand. Anfangs, als Yokohama sich als (europäische) Künstlergegend nahe Tokio etablierte, waren auch Alltagssituationen abgelichtet worden, Szenen in einem Kindergarten zum Beispiel. Aber die in Gang kommende Modernisierung Japans ließ sich auf den Fotografien immer weniger verstecken. Das wollte man im Westen nicht sehen. Also wurde die Idylle im Studio hergestellt.

Vorstellung und Realität

Mit der japanischen Realität hatte das westliche Bild meist wenig zu tun. Die „Kindermädchen“ zum Beispiel, die romantisch koloriert ein so beliebtes Motiv darstellten, stammten in Wirklichkeit oft aus ärmeren Verhältnissen und wurden schon mit fünf oder sechs Jahren zum Hüten reicherer Sprösslinge in oftmals weit entfernt lebende Familien geschickt.

Die Idee, dass Kindheit eine besonders schutzbedürftige Lebensphase ist, hat überhaupt erst die anbrechende Moderne nach Japan importiert – aus dem Westen. Zu eben der Zeit, als man in Japan ein unberührtes Reich der Kinder vermutete, wurde dort ein staatliches Schulsystem nach europäischem Vorbild eingeführt, westliche Kinder- und Jugendliteratur ins Japanische übersetzt. Diese Entwicklungen hat Europa noch bis weit ins 20. Jahrhundert kaum wahrgenommen. Und wenn doch, hat es sie bedauert.

Die Ausstellung „Ein Paradies der Kinder – Der westliche Blick auf Japan um 1900“ in den Räumen der Mori-Ôgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität offenbart einen faszinierender Willen zum Fantasieren über Fernost. Die Idee vom Kinderreich Japan diente, lässt sich vermuten, teils der Verteidigung reformpädagogischer Ideen, teils der Kompensierung der eigens erlebten und als unterkühlt empfundenen Kindheit. Abschließend erklären lässt sich das Phänomen, das Gegenstand von aktuellen Forschungen des Ostasien-Instituts der HU ist, noch nicht. Erkunden schon.

Mori-Ôgai-Gedenkstätte der HU, Luisenstraße 39, bis 28. April 2017, Mo-Fr 10-14 Uhr. Ab September ist die Ausstellung voraussichtlich wegen Umbaus für einige Zeit geschlossen.

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