Ausstellung : Einer gegen Hitler

Der Karikaturist Arthur Szyk ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Der große politische Zeichner und Karikaturist nahm Hitler und Mussolini aufs Korn.

Der Führer tobt. Oder er glotzt geradeaus, bis ihm stecknadelgroße Totenköpfe aus den Pupillen treten. Arthur Szyk hat Hitler immer wieder gezeichnet und gemalt, den Pinsel mit Galle voll bis zum Schaft. Er malte Mussolini ein Hakenkreuz auf den Hintern und zeigte Hirohito nach dem Überfall auf Pearl Harbour als zähnefletschenden Affen. Sein Amerika war in Gefahr. Das Land, das er liebte und das ihn nicht immer zurückgeliebt hat. Europa aber hat ihn vergessen. Arthur Szyk (sprich: Schick, 1894-1951), der große politische Zeichner und Karikaturist, kann jetzt im Deutschen Historischen Museum Berlin wiederentdeckt werden.

Das DHM zeigt diese Kunst im historischen Kontext. Das heißt bei Szyk: den ornamental wunderbar wuchernden Werken werden die entsprechenden Zeitschriften oder Plakate gegenübergestellt. So differenziert und detailverliebt er auch war, Szyk setzte auf Breitenwirkung. Szyk wollte zeichnend die Welt verändern, zumindest aber aufrütteln.

Ein Selbstbildnis von 1935: Noch lebt Szyk in seiner Heimat Lodz, ein polnischer Adler ziert sein Portrait und eine Menorah. Er war stolz, Pole und Jude zugleich zu sein – trotz des Antisemitismus in seinem Land. Er lebt in London, als die Deutschen 1939 Polen überfallen, 1941 siedelt er mit Frau und Tochter in die USA über. Dort avanciert er zu einem der wichtigsten Schöpfer politischer Karikaturen. Das Ausmaß des Holocaust ahnt er früher als die meisten. Seine Appelle verhallen allzu lange ungehört.

Gegen Ende des Krieges nennt ihn Präsidentengattin Eleanor Roosevelt die „one-man army“. Er kämpft mit traditionellen Waffen. Statt Abstraktion prägt pralle Deutlichkeit seine Kunst.

Die Ausstellung mit rund 220 Stücken ist entlang der historischen Ereignisse in fünf „Akte“ eingeteilt. Im „Epilog“ mischt sich Hochgefühl mit Bitterkeit. Ein Traum wird für den überzeugten Zionisten Szyk wahr, als 1948 der Staat Israel ausgerufen wird. Ausgerechnet gegen ihn, der für uramerikanische Ideale wie Demokratie und Freiheit einsteht, wird 1951 wegen „unamerikanischer Aktivitäten“ ermittelt. Kurz darauf stirbt Arthur Szyk an einem Herzanfall, im Alter von nur 57 Jahren. Jens Hinrichsen

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, bis 4. Januar. Tgl. 10-18 Uhr.

Wenn es in Berlin Zeit wird, vom Sommer Abschied zu nehmen, kehrt die Kunst zurück. So ist es nur konsequent, wenn die Staatsoper zur Saisoneröffnung mit „Fidelio“ nach draußen geht und die Eröffnungsvorstellung mittels Leinwand auf den Bebelplatz überträgt, wo sich ein versöhnliches, hellgoldenes, schon nicht mehr kräftiges und eigentlich schon vom Herbst angekränkeltes Licht über die grandiose Kulisse ergießt.

Bereits im vergangenen Jahr war der Bebelplatz voll, aber dieses Jahr schenkt der Wettergott der Staatsoper den schlechthin perfekten Abend: zartblauer, wolkenloser Himmel, warme und trockene Luft, Windstille. Von den Linden her ein sanftes Motorenrauschen, es stört kaum. Auf dem Platz: mindestens 10 000 Menschen auf mindestens ebenso viel verschiedenen, selbst mitgebrachten Stühlen. Alles muss als Sitzgelegenheit herhalten, selbst der Rollator von Oma. Rotwein, Nudelsalat und Sekt machen die Runde. Als würden sich Berge und Täler ablösen, so stehen und sitzen die Leute dichtgedrängt, ein Menschengebirge mitten in Berlin, und tatsächlich treffen geradezu tektonische Platten aufeinander, wenn das Musiktheater sein schützendes Gehäuse verlässt und sich ins Freie begibt, in die Domäne von Popkonzerten und Fußballspielen.

Die Leinwand wirkt trotz ihrer 70 Quadratmeter klein, aber die LED-Technik zeigt das Geschehen auf der Bühne so gestochen scharf, dass selbst die Leute vor der gegenüberliegenden Humboldt-Universität keine Mühe haben, alles zu erkennen. Während der Ouvertüre bietet die Kamera die ungewohnte Möglichkeit, Daniel Barenboim bei der Arbeit im Orchestergraben zu studieren. Man kennt diesen Effekt von Opernaufzeichnungen im Fernsehen: Die Kamera nimmt die Gesichter der Mitwirkenden aus nächster Nähe und aus mehreren Blickwinkeln auf, ein zweite Regieebene legt sich über die erste, so dass man im Grunde eine völlig andere Inszenierung sieht als die Besucher drinnen im Saal.

Aber das passt ja zum abstrakten Bühnenbild von Stéphane Braunschweig, der Zeit und Raum selbst zum Thema macht, indem er das Gefängnis von Florestan (sehr undeutlich und am Ende mit dünnem Tenor: Johan Botha) als ein sich nach hinten verjüngendes Gitternetz darstellt. Auch den Stimmen ist man paradoxerweise draußen näher als drinnen. Was aus den Lautsprechern dringt, ist laut und klar, ohne dröhnend zu sein. Die Fassaden werfen den Klang zurück und bilden so einen Theaterraum ganz eigener Art.

Erst weit nach der Pause regt sich das Bedürfnis, einen Pulli anzuziehen. Die meisten Besucher bleiben, wo sie sind – dies ist kein touristisches Publikum, das bei Gratiskonzerten reinschneit und gerne schon nach zehn Minuten wieder geht. Schade, dass bei Waltraud Meiers Leonore die Lautsprecher in der Höhe gelegentlich doch einen recht verschwommenen Ton liefern. Wenn sich dann noch die Staatskapelle allzu forsch in den Vordergrund drängt, hört man beinahe gar nichts mehr. Aber das bleibt die Ausnahme. An diesem Abend dürfte es bei so manchen neuen Opernfans „klick“ gemacht haben. Den Weg nach drinnen finden sie dann hoffentlich auch.

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