Ausstellung "Eppur Si Muove" : Eine Symphonie aus Blech

Das Kunstmuseum Luxemburg bringt in einer aktuellen Schau Technik und Kunst, Avantgarde und Tradition zusammen.

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Das große Scheppern. Jean Tinguelys „Fatamorgana, Méta-Harmonie IV“ (1985) produziert nichts als Lärm.
Das große Scheppern. Jean Tinguelys „Fatamorgana, Méta-Harmonie IV“ (1985) produziert nichts als Lärm.Foto: Mudam Luxembourg/Metz

In einem irrt Enrico Lunghi: Wenn der Direktor des Luxemburger Kunstmuseums Mudam wirklich glaubt, man sähe den Unterschied nicht. Die Trennlinie zwischen den wissenschaftlichen und den künstlerischen Objekten seiner Ausstellung „Eppur Si Muove“ ist weit weniger dünn, als von ihm behauptet. Tatsächlich sieht man sofort, was aus dem Pariser Musée des Arts et Métiers stammt. Und was aus den Ateliers von Olafur Eliasson, Simon Starling oder Nina Canell. Auf den historischen Maschinen sammelt sich die Patina vergangener Jahrhunderte und macht aus einer kleinen Maschine zum Stanzen von Papierblumen ein ebenso ästhetisches wie altmodisches Gerät wie aus dem enormen Modell einer Batterie von 1880, das Strom speichert und Licht für mehrere Glühbirnen liefert.

Was dagegen soll „Fatamorgana, Meta- Harmonie IV“? Diese scheppernde Symphonie aus Blech, zwölf Meter lang und von dem Schweizer Künstler Jean Tinguely so willkürlich zusammengefügt, als habe er eben einen Schrottplatz geplündert. Wie weit fällt eine absurde Maschine, die nichts als Lärm und sinnlose Bewegung produziert, hinter die Wissenschaft ihrer Zeit von 1985 zurück.

Wer „Eppur Si Muove – Kunst und Technik, ein gemeinsamer Raum“ so sieht, hat mögliche Erkenntnisse aus der aufwendigen Schau schon verspielt. Das hier ist kein Wettbewerb. Sondern ein Abgleich zwischen den Disziplinen, die sich seit Langem für dieselben Phänomene interessieren – für Licht, Materie, Energie.

Panorama einer neugierigen Avantgarde

Sichtbar wird diese Schnittmenge anhand von knapp 200 Werken. Ein großes, vielschichtiges und manchmal verwirrendes Projekt, das eine Fahrt nach Luxemburg lohnt: So nah werden sich die Objekte beider Disziplinen erst einmal nicht wieder kommen. Jede Sektion – die historischen Maschinen wie auch die teils bizarren Versuchsanordnungen zeitgenössischer Künstler – ist für sich schon faszinierend. Zusammen aber entwerfen sie das Panorama einer unersättlich neugierigen Avantgarde, die Fortschritt erst möglich macht, ihn aber auch in Frage stellt.

Ihre Werkzeuge sind real wie die Schraubenschlüssel aus „Turner’s Tool Collection“, die Franz Wertheim um 1855 in seinem Kaufhaus zum wandfüllenden Ornament fügte und damit zur Dekoration werden ließ. Oder virtuell wie das unglaubliche Video „Autoreverse“ (2005) von Paul Kirps, in dem sich recycelte Haushaltsgeräte permanent zerlegen und neu zusammensetzen. Eine audiovisuelle Parabel über die anonyme maschinelle Produktion der Gegenwart, die den Künstler aus Luxemburg gleichermaßen zu faszinieren wie abzustoßen scheint.

Seine Ambivalenz ist typisch für das Ausstellungskapitel „Innovationen in der Praxis“, das neben Maschinen und Zahlen dem elektrischen Funken sowie der Fortbewegung huldigt. Die mächtigen, roh gezimmerten Apparaturen eines Michael Beutler fehlen hier ebenso wenig wie „Miracolo Italiano“ von Damián Ortega, der sich 2005 eine Vespa vornahm, um ihre Einzelteile an Fäden von der Decke hängen zu lassen. Im Mudam wirkt das, als setzte sich das Zweirad von selbst in der Luft zusammen. Und natürlich entzaubert Ortega auch das technische Gerät, indem er zeigt, aus wie vielen banalen Teilen es besteht.

Ein filigran verzierter Motor - völlig unbrauchbar

Ganz in der Nähe glänzt das skelettierte Getriebe einer frühen Limousine. Ein Demonstrationsobjekt aus dem Musée des Arts et Métiers, das im Zusammenspiel mit Ortega, noch mehr aber mit Éric van Hoves Installation „V12 Laraki“ vorführt, was der Ausstellung in ihren besten Momenten gelingt. Van Hoves, in Algerien geboren, hat den Zwölfzylindermotor komplett nachbauen lassen – von marokkanischen Kunsthandwerkern mit uraltem Wissen und Techniken. „V 12“ ist eine Meisterleistung aus filigranen Ornamenten, getriebenem Blech und gedrechseltem Holz – als Antrieb jedoch völlig unbrauchbar.

Tradition versus Technik, das scheint die simple Botschaft dieser Gegenüberstellung. Doppelbödig wird sie, wenn man weiß, dass der Laraki Fulgara das erste komplett in Marokko gebaute Luxus-Sportauto werden sollte. Diverse Gründe zwangen die Ingenieure schließlich zum Import eines PS-starken Motors aus Deutschland. Ein Triumph für „Made in Germany“, kombiniert mit der Kapitulation eines nordafrikanischen Landes, das so noch einmal die Chance auf eigene Forschung und Entwicklung vertan hat – ein weiteres Kapitel der Postkolonisation.

Solche sozialen und politischen Implikationen klingen selten an, gehören aber zu den stärksten Momenten der Schau. Zusammen mit jenen Werken, in denen Künstler quasi wissenschaftlich arbeiten, um sich dann der Strenge und Enge des Systems zu entziehen. Das Ergebnis sind parallele, individuelle Universen, in denen sich die Sinne entfalten und der Kunstbegriff erweitert wird.

Photophone übertragen Töne in Licht

Der 2011 verstorbene Soundpionier Rolf Julius ist dafür ein gutes Beispiel. Von ihm hängen schwarze Lautsprecher-Membranen von der Decke, gefüllt mit Farbpigmenten. Mithilfe diverser Tonfrequenzen bringt Julius die Lautsprecher und die Pigmente zum Schwingen. Gegenüber im Raum stehen Photophone aus dem 19. Jahrhundert, die Töne in Licht übertrugen. Eine technische Sensation zu ihrer Zeit.

Die Idee zu dieser Zusammenschau lieferte ein Künstler, der schon am Beginn der Moderne den Dialog aufnahm – übrigens nach einem Besuch des Musée des Arts et Métiers: Marcel Duchamp stand als Liebhaber des Wunderbaren im Nützlichen und der Erkenntnis, dass sich nicht alles wissenschaftlich erfassen lässt, am Beginn einer Ära, in der die Kunstgeschichte dieses Feld mit ihren kritischen Methoden untersucht. Duchamps spätere Spielgefährten heißen Tinguely, Panamarenko, Stanley Brouwn oder Nam June Paik. In Paiks Installation „Magnet TV“ verzerrt eine elektrische Spule das Bild eines Fernsehgeräts, auf dem der ehemalige US-Präsident Richard Nixon zu sehen ist. Hier schlägt das Pendel in die politische Richtung. „Eppur Si Muove“ – und sie bewegt sich doch –, soll Galileo Galilei gesagt haben, als er seinen astronomischen Erkenntnissen abschwören musste. „Eppur Si Muove“ ist aber auch ein Album der Metal-Band Haggar, die ein Konzeptalbum zu Galileo komponiert hat. So reichen die Verschränkungen von Kunst und Wissenschaft bis in die Pop-Kultur.

Musée d’Art Moderne (Mudam), 3 Park Drai Eechelen, Luxemburg, bis 17. Januar, Infos: www.mudam.lu

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