Ausstellung "Fotografie im Ersten Weltkrieg" : Männer in Mondlandschaften

Das Berliner Museum für Fotografie zeigt, wie der Erste Weltkrieg zum Bilderkrieg wurde - und die Fotografie zu einer Waffe im Propagandakampf.

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Kurze Rast. Französischer Soldat in Reims, 1917.
Kurze Rast. Französischer Soldat in Reims, 1917.Foto: Paul Castelnau / bpk/Ministre de la Culture, Patrimoine, Dist. RMN-Grand Palais

Was ist das nun, ein Maschinengewehr oder eine Kamera, das da in einer Vitrine liegt, unter einem Großfoto eines Soldaten, der sein Gewehr auf den Betrachter richtet? Es ist beides: eine Maschinengewehrkamera. Ein „Zielübungsgerät“, an dem Flugzeugschützen ausgebildet wurden und mit dem ihre Treffsicherheit gemessen werden konnte. 600 Schuss – die Bezeichnung ist nicht zufällig für Patronen wie für Kameraauslösungen dieselbe – konnte das Gerät pro Minute „abfeuern“. Sehr modern, was da 1916 erstmals erprobt wurde.

Der Erste Weltkrieg war überhaupt sehr modern, am modernsten vielleicht in seiner medialen Verarbeitung. Der Krieg wurde zum Fotokrieg: Für die Propaganda wie für die „Heimatfront“ wurden Millionen und Milliarden von Aufnahmen arrangiert oder einfach nur geknipst, wurde die Bildpostkarte zum tagtäglichen Begleiter. Auch Miniaturkameras kamen zum Einsatz, beispielsweise an Brieftauben befestigt, die über die feindlichen Linien fliegen sollten. Eine solche Brieftauben-Plastik baumelt unter der Decke des Kaisersaals im ehemaligen Landwehrkasino an der Jebensstraße und damit an einem historischen Ort. Wo heute das Berliner Museum für Fotografie seine Ausstellung „Fotografie im Ersten Weltkrieg“ zeigt, lagerten damals verwundete Soldaten im zum Lazarett umfunktionierten Prachtsaal.

Ausstellung zum technischen Medium Fotografie

Erstaunlich vielfältig war die Fotografie im Krieg. Rund 300 Abzüge, Publikationen, Objekte zeigen die Bandbreite, vom privaten Erinnerungsfoto bis zum Panoramabild der Feindaufklärung, von der Illustrierten bis zum Röntgenbild. Es ist keine Ausstellung zum Kriegsgeschehen, sondern eine zum technischen Medium der Fotografie, die im Zuge der rasanten Modernisierung, die der Krieg bewirkte, gleichfalls in die Zukunft katapultiert wurde. Kannte man zuvor brav gestellte Aufnahmen aus dem Fotoatelier, so entstanden binnen Jahren, ja Monaten Kameras mit Schnellverschlüssen, mit unerhörter Auflösung, die aus dem Flugzeug ebenso zu betätigen waren wie aus dem Unterstand heraus. Und dennoch: Das eigentliche Kriegsgeschehen bildet eine eigentümliche Leerstelle.

Kampfhandlungen konnten nur selten fotografiert werden. Kriegsberichter standen nicht in vorderster Front, und Soldaten hatten anderes zu tun, als nebenbei eine Kamera zu bedienen. Stattdessen wuchs die Zahl der tatsächlichen und vermeintlichen „Dokumentarfotografien“ ins Unermessliche, der Bilder der Zerstörung, an Bauten wie an dem zur Mondlandschaft verwüsteten Gelände. Es zählt zu den Verdiensten der ungemein reichen Ausstellung, die Eigenschaft der Fotografie als Dokument gründlich infrage zu stellen. Propaganda, mitunter zu unsagbaren Gräueln für die Feindesseite verzerrt, waren die meisten Aufnahmen.

Ausstellung "Fotografie im Ersten Weltkrieg"
Pressedienst des k. u. k.: Kriegsministeriums. Handgranatenkämpfer, 1916. Postkarte.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: © Staatliche Museen Kunstbibliothek
19.12.2014 09:49Pressedienst des k. u. k.: Kriegsministeriums. Handgranatenkämpfer, 1916. Postkarte.

Großes Werk der Aufklärung

Es muss unzählige Fotografien des Krieges gegeben haben und immer noch geben, aber sie befinden sich oft nicht als solche gesammelt an disparaten Orten. Die Kuratoren, Museumsleiter Ludger Derenthal und Stefanie Klamm, mussten in Archiven, Bibliotheken und Museen stöbern, um ihre erstaunliche Ausbeute zu erlangen. Der Katalog, so schmal er mit 128 Seiten auch ausgefallen ist, bietet eine Enzyklopädie der Fotografie im Krieg. Dass auch Farbe zum Zuge kam, ist mittlerweile bekannt, frappiert aber immer noch.

Ebenso der bizarre Formenreichtum auf Bildern zerstörter Städte und ihrer Kirchen. Der im Bild festgehaltene Einschlag einer Granate in die Kathedrale von Reims gibt das Symbol für die Raserei des Krieges, eines jeden Krieges. Als der Pazifist Ernst Friedrich sein Buch „Krieg dem Kriege“ mit Bildern zu Krüppeln zerschossener Soldaten illustrierte, protestierte die politische Rechte. Diese Wahrheit wollte man nicht sehen. Die Ausstellung zeigt sie, als ein großes Werk der Aufklärung.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, bis 22. Februar. Di–Mi 10–18, Do 10–20, Fr 10-18, Sa/So 11–18 Uhr. Katalog bei E. A.Seemann, 24,95 €. – www.smb.museum

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