Ausstellung : Glitzernder Tod

Simone Reber wagt sich in die dunklen Depots des Unterbewussten.

Simone Reber

Ein goldfarbenes Schwert liegt vor der Tür der Galerie Neugerriemschneider. Aus Respekt vor der Kunst hat ein Kind seine Waffe am Eingang abgegeben. Die ritterliche Geste passt zu dem verwunschenen Raum, den die amerikanische Künstlerin Pae White in dem ehemaligen Heizhaus eingerichtet hat. Man glaubt, den Speisesaal einer mächtigen Zauberin zu betreten und erlebt im Innern den Kampf zwischen Verführung und Bedrohung. Ein seltsamer Geruch schlägt den Besuchern entgegen. In einem hohlen Baumstumpf modern hunderte von toten Fliegen. Wie schwarze Perlen schimmern ihre zerfallenden Körper in der Mulde des Holzes. Der Strunk stammt aus Neuseeland, ist von der Natur mit Wucherungen überzogen und von der Künstlerin glatt poliert worden. Schwarz glasierte Keramikleuchter hängen diagonal im Raum. Fabelwesen mit Hakenschnäbeln und Fischflossen tragen die Glühbirnen auf ihren Köpfen. Ein einzelner silberfarbener Lüster bekämpft diese dunklen Mächte. „Too much night“ hat Pae White ihre Arbeit genannt. In der Nacht siegen die Monster der Irrationalität über die helle Vernunft. Pae White liebt die Irritation der Oberfläche. Die Spannung zwischen den gegensätzlichen Materialien – dem Holz und den glänzenden Lüstern – überträgt sich als Beklommenheit. Und doch kann man nicht genug bekommen von dem leisen Unwohlsein, so anziehend sind diese schimmernden Objekte. Als Köder hat Pae White zu allem Überfluss silbrig verpackte Bonbons ausgelegt. Eine glitzernde Spur in die Nacht, süße Verführung zur Unvernunft, die auf Stubenfliegen tödlich wirken kann (Linienstraße 155, bis 19.4.).

Irritation stellt sich auch ein in der Galerie Klara Wallner. Hier hat die 28-jährige amerikanische Künstlerin Hannah Dougherty den Raum mit ihren eigenartigen Chimären bevölkert: halb Tier, halb Mensch. Doughertys Werk taucht ab in eine Traumwelt, in der sich Alltag und Unterbewusstes überlagern. Auch ihre Kunst entwickelt eine betörend verstörende Energie aus dem Zusammenprall unterschiedlicher Materialien und Techniken. Ein Ritter sitzt stolz auf seinem prächtigen Ross. Penibel hat die Künstlerin mit dem Bleistift Leib und Beine des Pferdes ausgeführt. Doch dann verliert sich die Vollendung im Nebel. Mythische Tiere bevölkern Doughertys Werk: der Wal, der Tiger und immer wieder das Pferd. Ihre Kunst verfolgt die Fährte zu den wilden Ursprüngen der Menschheit. Mitunter klebt die Künstlerin dann Fundstücke aus der Zivilisation über diese Fabelgestalten, Tickets oder Notizpapier, den Brief eines Kindes. Sie kombiniert Malerei, Comic und Sperrholzbastelei. Vogelhäuschen bilden die genormte Gegenwelt zur Unberechenbarkeit der Natur. Bei Hannah Dougherty begegnen wir der Irrationalität in anderer Gestalt – wir steigen hinab in das Depot, aus dem sich unsere Träume speisen. Was bleibt, ist eine Konfrontation mit dem Fremden und Potenzial für beides: den Tag- und den Albtraum (Kochstraße 60, bis 26.4.).

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