Ausstellung : Großer Grenzverkehr

Mythos, Macht, Monument: Die Ausstellung "Tür an Tür" präsentiert tausend Jahre deutsch-polnische Geschichte im Berliner Martin-Gropius-Bau.

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Auf dem Gelände der Danziger Werft ließ Piotr Uklanski vor vier Jahren 4000 Soldaten des Wehrbezirks Pommern das Logo der Gewerkschaft Solidarnosc bilden.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Piotr Uklanski
22.09.2011 20:26Auf dem Gelände der Danziger Werft ließ Piotr Uklanski vor vier Jahren 4000 Soldaten des Wehrbezirks Pommern das Logo der...

Mein Großvater, Jahrgang 1908 und nach eigenem Bekunden ein unpolitischer Mensch, sprach mit der größten Selbstverständlichkeit von polnischer Wirtschaft, wenn ihm etwas chaotisch vorkam. Uns jüngeren Ostdeutschen, groß geworden mit der Mauer, erschien das sozialistische Polen vor Verhängung des Kriegsrechts 1981 hingegen als Fenster gen Westen, wo die Frauen eleganter waren und das intellektuelle Leben liberaler.

Vorurteile und Projektionen haben das Verhältnis von Deutschen und Polen im Zeitalter des Nationalismus immer wieder schwer belastet. Zwischen 1939 und 1945 kostete diese Nachbarschaft fünf Millionen Menschen in Polen das Leben. Nach Kriegsende wurden erneut Millionen – diesmal Deutsche und Polen – aus ihrer Heimat vertrieben. Beides ist, bei allem Schmerz auch nachfolgender Generationen, inzwischen Geschichte. Mit dem Beitritt zur EU am 1. Mai 2004 bekannte sich Polen zu einer gemeinsamen Zukunft.

20 Jahre nach dem bilateralen Nachbarschaftsvertrag von 1991 macht sich nun der Berliner Martin-Gropius-Bau gemeinsam mit dem Museum Königsschloss Warschau daran, die polnische EU-Ratspräsidentschaft mit einer außergewöhnlichen Ausstellung in Berlin zu feiern. Mit „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ soll – diese Hoffnung spricht aus allen Festreden – nichts Geringeres als freundschaftliche Normalität besiegelt werden. Noch allerdings ist diese Freundschaft zu jung und kostbar, um als business as usual durchzugehen. Die kulturhistorische Großausstellung, 800 Objekte in 22 Kapiteln, wurde von Bundespräsident Christian Wulff und Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski unter großer, zumal polnischer Medienresonanz eröffnet.

Neunmal, so Wulff in seiner Ansprache, hätten sich Komorowski und er in den vergangenen eineinhalb Jahren getroffen. Der Wunsch, das deutsch-französische Aussöhnungswunder der Nachkriegsjahrzehnte zu wiederholen, ist unübersehbar. Kultur als Symbolform von Politik dient dabei – seit Willy Brandts legendärem Polenbesuch von 1970 – als Motor der Annäherung.

Was also ist das Gemeinsame, Verbindende in der Kultur und Geschichte beider Völker? Anda Rottenberg, Hauptkuratorin der Ausstellung und eine der wichtigsten Expertinnen polnischer Gegenwartskunst, verweist auf die Solidarität von Denkern, Künstlern – und Königen: „In den ersten 800 von 1000 Jahren deutsch-polnischer Geschichte war Europa ein Ort, in dem man nicht von Nationen sprach: ein Modell, das heute wieder erstrebenswert erscheint.“

Und natürlich lässt sich – ein Erzählstrang der Ausstellung – die deutsch-polnische Koexistenz als Abfolge hochadeliger Hochzeiten erzählen, bei der Piasten, Jagiellonen, Habsburger und Wittelsbacher untereinander dynastische Bande knüpften und politische Einflüsse austarierten. Oder als geografischer Resonanzraum großer Ideen, verdichtet etwa in der Gestalt des Bildschnitzers Veit Stoß, der zwar in der Freien Reichsstadt Nürnberg seine künstlerische Laufbahn begann und beschloss, doch mit dem Hochaltar der Marienkirche in der damaligen polnischen Hauptstadt Krakau sein Hauptwerk schuf.

Das Krakauer Marienretabel, ein europäisches Jahrhundertkunstwerk, hinterließ wie vielerorts auch in der Kunst Pommerns und Schlesiens deutliche Spuren – und wurde während der deutschen Besetzung zur Raubkunst. Die Nazis stilisierten Stoß zum „deutschen Meister“ und verbrachten sein monumentales Krakauer Altarwerk nach Nürnberg.

Anda Rottenberg hat das komplette druckgrafische und zeichnerische Werk von Veit Stoß zusammengebracht, dazu geschnitzte Meisterwerke wie die wundervolle Buchsbaumstatuette einer Mondsichelmadonna aus dem Londoner Victoria and Albert Museum. Eine Ausstellung in der Ausstellung, so exquisit, dass sie allein schon den Besuch lohnt. Heute ist es nur noch eine akademische Frage, was an dieser spätgotischen Hochkunst fränkisch, was polnisch ist.

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