Kultur : Ausstellung: Gut geputzt

Katrin Bettina Müller

Die Unsitte, silberne Teller in die Vitrine zu stellen, sei eine bürgerliche Erfindung, meint Ole Villumsen-Krog, Direktor der Königlichen Silberkammer in Dänemark. Am Hof in Kopenhagen werde,man höre und staune, von silbernen Tellern gespeist - und zwar täglich. Diesen profanen Gebrauch hält Krog nach wie vor für die größte Ehre, die man der Kunst der Silberschmiede erweisen kann. Er selbst wacht über rund 9000 blankgeputzte Stücke, mit denen bis zu 250 Gäste bewirtet werden können. Zudem betreut er die private Sammlung der dänischen Königin Margrethe II., die jedes Jahr im Rathaus von Kopenhagen die Absolventen des Institutes für Edelmetall an Danmarks Designskole persönlich beglückwünscht und selbst auch als Entwerferin tätig ist.

Ihre Sammlung umfasst sowohl Erbstücke, die den klaren und kühlen Stil der dänischen Avantgarde dokumentieren als auch Geschenke der zeitgenössischen Gestalter. Aus diesen Beständen ist die Ausstellung "Modernes Dänisches Silber 1900-2000" im Obergeschoss des Bröhan-Museums bestückt.

Die größten Feinde des Silbers sind, wie die Kunsthistorikerin Lise Funder seufzend bekennt, die berufstätige Frau und die Spülmaschine. Fehlende Stunden zum Silberputzen verbannen das empfindliche Metall zunehmend aus dem Haushalt. In den siebziger Jahren glaubten deshalb einige der dänischen Silberschmiede schon, die letzten Vertreter ihres Faches zu sein, das seit dem 17. Jahrhundert auf eine ruhmreiche Tradition in Dänemark blicken konnte. Dagegen trat 1976 die Gruppe Danske Solvsmede an: Sie wollte eine alte Kunst am Leben erhalten. Damit wurde auch ein Stück klassische Moderne gerettet, deren reduzierte und sachliche Formensprache bis heute nicht zu übertreffen ist.

Silbergerät gehörte nie zu den Gestaltungsaufgaben für ein "Existenzminimum" und dennoch ist es der perfekte Begleiter von Stahlrohrmöbeln und Glas. In der Silberschmiede von Georg Jensen entstanden in den zwanziger und dreißiger Jahren viele Stücke, die auf Ziselierung und aufgesetztes Dekor verzichteten. In Halbkugeln, Zylindern, Pyramiden und Quadern durchliefen Kannen und Schalen ihre geometrische Vereinfachung. Im Kaffeeservice "Pyramide" (1930) stellte Harald Nielsen die schmalen, sich nach oben verbreiternden Gefäße auf kleine runde Sockel: Eine Spur von klassizistischem Zitat war noch spürbar in der Verschlankung der Formen.

Bis in die neunziger Jahre setzen Willfried Moll, Erik Sjödahl, Karl Gustav Hansen und Mogens Björn-Andersen den eleganten und gradlinigen Stil fort, der an keine Kurve mehr aufwendet als unbedingt notwendig. Je unverstellter das Silber glänzt, desto kostbarer wirkt es.

Daneben stellt sich die Vereinigung der Danske Solvsmede aber auch mit Produkten vor, die über die Funktion hinaus nach einem Ausdruck suchen. Auch ihre Tradition des symbolischen Mehrwert und der Stilisierung von organischen Formen reicht bis in die dreißiger Jahre zurück. Eine kleine Kaffeekanne (2000) von Leon Kastbjerg Nielsen plustert sich auf wie eine brütende Glucke und schiebt ihre Tülle angriffslustig vor. Eine Obstschale (1990) von Allan Scharff biegt sich randlos wie ein gerade niederwehendes Blatt und streckt wie ein Vogel seine Flügel. In ihnen tobt sich eine postmoderne Sehnsucht aus, die das schier Funktionale nicht mehr befriedigt. Die Spannung aber, die aus der Gegensatz zwischen dem Edelmetall und der schlichten Form hervorgeht, holen sie dennoch nicht ein.

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