Ausstellung "Hunger nach Bildern" : Punk und Pinsel

Alles begann mit einem Möbelgeschäft: "Hunger nach Bilder" in der Galerie Raab erinnert an die wilden Achtziger und zeigt zugleich die 40-jährige Geschichte der Galerie.

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abstraktes Gemälde in rot, blau und gelb
KH Hödickes Gemälde "Kaspar und Krokodil" aus dem Jahr 1987.Foto: Galerie, VG Bildkunst Bonn 2015

Die Galeristin macht einen Luftsprung. Der Rock wippt, die Zehen strecken sich. Rings um die jubelnde Gestalt sind die Bilder von Salomé zu sehen, vermutlich verkauft. Sumo-Ringer mit nacktem Oberkörper in Rosa, der Farbe des Fleisches und der Travestie. 1986 hat Salomé „Meine Kunsthändlerin Ingrid Raab“ gemalt, da war der Maler kometengleich aufgestiegen und versuchte gerade die Vereinigten Staaten zu erobern.

In ihrem Ausstellungszweiteiler „Hunger nach Bildern“ erinnert die 72-jährige Galeristin an die achtziger Jahre in West-Berlin, als die Kunstszene von den Neuen Wilden aufgemischt wurde. Zugleich schreibt die Ausstellung eine Chronik der fast vierzig Jahre bestehenden Galerie. Raab eröffnete 1978 ein Möbelgeschäft an der Potsdamer Straße. „Ich bin Kaufmann“, sagt sie noch heute. Zunächst fand einmal im Monat in einem der Räume eine Ausstellung statt. Die meisten Kunsthändler hatten zu dieser Zeit Berlin verlassen, Transporte waren schwierig, Sammler saßen im Rheinland.

Am Moritzplatz hatten deshalb zehn Künstler, darunter Salomé, Rainer Fetting, Bernd Zimmer, Luciano Castelli, 1977 eine Selbsthilfegalerie gegründet. Ingrid Raab erinnert sich, wie bei ihrem ersten Besuch der Fotograf Rolf von Bergmann im Tutu über den Hof tanzte. Das Atelierhaus war unsaniert: „Im Winter fror die Farbe ein, im Sommer wurden Feste gefeiert.“

Salomé und sein damaliger Lebensgefährte Rainer Fetting waren aus der Provinz nach Berlin gekommen: aus Karlsruhe und Wilhelmshaven. Die von Nationalsozialismus und Weltkriegen gezeichnete Stadt bot die ideale Reibungsfläche, um das zerschossene Männerbild der Väter und Großväter zu übermalen. Im Schatten der Mauer herrschte Freiheit, im Niemandsland vor dem Todesstreifen waren die Grenzen der Geschlechter durchlässig. „Geile Tiere“ hieß die Punkband vom Moritzplatz. Kein Wunder, dass die Künstler Körper malten.

Bei der Auswahl weiblicher Akte suchte Raab männliche Unterstützung

In der Ausstellung hängt ein „Sänger“ von Helmut Middendorf, eine Papierarbeit von 1981, die den harten Sound der Zeit in rote und blaue Beats überträgt (7000 €). Elektrische Schläge packen den zuckenden Körper und treiben ihn zu Ekstase. Vom Schweizer Luciano Castelli ist einer der wenigen weiblichen Akte zu sehen, tanzende Andeutung, getupfte Auslassung, die helle Nacktheit eine Projektionsfläche für Sehnsucht und Begehren (60 000 €). „Wenn ich zu Castelli gegangen bin, habe ich immer einen Mann mitgenommen“, sagt Ingrid Raab. Sie selbst könne nur die Erotik eines männlichen Aktes beurteilen.

„Mit den Achtzigern begann die Internationalisierung der deutschen Nachkriegskunst“, meint die Galeristin. 1981 zeigte die Royal Academy of Arts in London „A New Spirit in Painting“, ein Jahr später organisierten Norman Rosenthal und Christos Joachimides die „Zeitgeist“-Ausstellung im Gropius-Bau. Sie lenkte die Aufmerksamkeit internationaler Sammler auf Berlin. Die Amerikaner freuten sich über preiswerte deutsche Kunst, die ihnen durch den Bezug zum Expressionismus vertraut vorkam. Umgekehrt suchten die Berliner Künstler bald in New York ihr Glück. Eine Radierung von Rainer Fetting, der 1983 in die Vereinigten Staaten übersiedelte, zeigt einen der vielen einsamen Wölfe, die der Künstler ab dann gezeichnet oder gemalt und anschließend mit den Balken der New Yorker Piers verschraubt hat. Statt der Berliner Mauer versperrten nun die Planken vom Hafen den Weg in die Wildnis (2600 €).

Kunst dreht Grenzen aus

Lust, Tempo, Härte und im Hintergrund verblasst langsam die bleierne Vergangenheit – in der Kunst schlägt sich das Lebensgefühl der Achtziger in ausladenden Gesten nieder. Die neue Leichtigkeit der Spontis prägt auch die Malerei, die Farben sind rasch und dünn aufgetragen. Das schönste Beispiel ist eine burgunderrote Landschaft von G. L. Gabriel im Abendlicht. „Hommage an Edvard Munch“ hat die Künstlerin ihre norwegische Mitsommernacht von 1986 genannt (38 000 €). Gelbe Funken lassen das Panorama strahlen. Nass-in-Nass gemalt, fließen die Farben ineinander.

In der Ausstellung wirken die internationalen Beispiele des Italieners Arcangelo, des Briten Leonard McComb oder der Amerikanerin Kiki Smith beliebig. Einzig ein Großformat des Russen Afrika, das in leuchtendem Gelb und Rot über die sowjetische Propaganda spottet, zeigt die Perspektive von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Seit 15 Jahren residiert die Raab Galerie in der feinen Fasanenstraße. Die Ausstellung zeigt, wie sich die Kunst aus den alten Mustern löst und die Grenzen ausdeht. Mit dem Mauerfall endet schließlich auch in der Kunst endgültig die Nachkriegszeit.

Raab Galerie, Fasanenstraße. 72, bis 28. 9.; Mo bis Fr 10 – 19 Uhr, Sa 10 – 16 Uhr.

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