Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum : Nervöser Geist, nervöse Zeit

William Wauer und der Berliner Kubismus: eine Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum.

von
Wauers berühmtestes Werk ist die Bronzebüste des Galeristen Herwarth Walden von 1917. Sie gehört der Nationalgalerie Berlin.
Wauers berühmtestes Werk ist die Bronzebüste des Galeristen Herwarth Walden von 1917. Sie gehört der Nationalgalerie Berlin.Foto: Jörg P. Anders

Was für ein Leben. Die Karrieren, die William Wauer begonnen und dann wieder abgebrochen hat, würden gleich für mehrere Biografien reichen. 1866 im sächsischen Oberwiesenthal geboren, studiert er zunächst Malerei in Dresden, Berlin und München, geht als Gehilfe eines Makart-Schülers nach Amerika, scheitert aber als Werbegrafiker in New York. Er kehrt zurück nach Europa, reist zum Studium der Alten Meister nach Wien, Zürich, Rom, macht Reklame für Kupferberg, Stollwerck und Odol, gibt Zeitschriften heraus, begeistert sich fürs Theater, wird in Berlin Regieschüler bei Max Reinhardt und Hausregisseur am Deutschen Theater, pachtet das „Kleine Theater unter den Linden“, und beginnt, als die Bühne schließt und er die Schulden abbezahlen muss, Filme zu inszenieren.

Seine eigentliche Bestimmung findet William Wauer jedoch erst 1916, im Alter von 50 Jahren: Er wird Bildhauer. Wauer ist ein nervöser Geist in nervösen Zeiten. „Es waren die Tage des revolutionären Aufstandes auf geistig kulturellem Gebiet“, hat er rückblickend gesagt.

In die Kunstgeschichte eingegangen ist Wauer mit der Bronzebüste, die er 1917 von dem Verleger und Galeristen Herwarth Walden geschaffen hatte. Ein Denker- und Schamanenkopf, mit tief eingekerbten, gespenstisch leeren Augenhöhlen, spitzer Nase und einem Haarschopf, der das Haupt wie ein Heiligenschein hinterfängt. Walden, eine Zentralfigur der Berliner Avantgarde in der späten Kaiserzeit, war Wauers wichtigster Förderer. Er hatte den Theatermann als „stärkste Regiebegabung der Gegenwart“ gelobt und den Anstoß gegeben für dessen Rückkehr zur bildenden Kunst.

Den Besuch einer Futuristen-Ausstellung in Herwarth Waldens „Sturm“Galerie schildert Wauer in seinen Memoiren denn auch als eine Art Erweckungserlebnis. Seine erste Plastik ist ein kleiner „Schlittschuhläufer“, ein anmutig dahingleitendes Strichmännchen mit Würfelkopf. Das Kantige, Bewegte wird zum Leitmotiv des Bildhauers: „Die Kante als ,Linie’ bedeutet ,Bewegung’. Die Linienführung schafft rhythmisch gebändigte Dynamik.“

Im Berliner Georg-Kolbe-Museum, das die erste Wauer-Ausstellung seit mehr als 30 Jahren zeigt, wird der Besucher nun gleich am Eingang vom Walden-Kopf und drei anderen damals kurz nacheinander entstandenen „Monumentalbüsten“ begrüßt, die den Kritiker Rudolf Blümner, den Schauspieler Albert Bassermann und die schwedische Schauspielerin Nell Walden zeigen, Waldens zweite Ehefrau. In einer Vitrine neben diesen programmatischen „absoluten Plastiken“ (Walden) stehen der „Schlittschuhläufer“ und andere auf den heutigen Betrachter eher putzig wirkende Kleinbronzen.

„William Wauer und der Berliner Kubismus“ heißt die Ausstellung, die 64 Skulpturen von 14 Künstlern aufbietet. Der Titel ist zugleich die These, der Versuch, Tendenzen im Werk einer ganzen Gruppe von Bildhauern unter dem Rubrum „Berliner Kubismus“ zusammenzufassen. Von Paris, wo er von Picasso und Braque erfunden wurde, würde der Kubismus damit gewissermaßen nach Berlin geholt, eine Hauptstadt des Expressionismus. Für Kurator Marc Wellmann ist Expressionismus der „Meta-Begriff“, Kubismus hingegen stärker eine „stilistische“ Bezeichnung. Er beruft sich auf Walden, der den Expressionismus eine „Weltanschauung“ nannte. Und auf den „Sturm“-Chefintellektuellen Blümner, der 1921 befand, Wauer habe „als Erster in Europa die reine kubistische Plastik geschaffen“, und jubelte: „Er löste die Realität in Einzelflächen auf und setzte sie neu zusammen.“

Ob das spätexpressionistischer Überschwang ist? Wauer war keineswegs der erste kubistische Bildhauer, Picasso hatte bereits 1909 seine „Fernande“ geschaffen, einen polyperspektivischen, eckig zerklüfteten Frauenkopf. Der Kubismus befreite die Skulptur vom Joch der Gegenständlichkeit, zeigte Bewegungen in simultaner Gleichzeitigkeit und führte damit zu einer neuen Wahrnehmung von Raum und Welt. In Berlin wurde diese Revolution begeistert aufgegriffen, wie die Ausstellung mit einigen hinreißenden Werken belegt.

Rudolf Belling schafft 1918 – vielleicht ein Kommentar zum Krieg – ein muskelbepacktes Monsterwesen, „Mensch“ betitelt, das zwei Oberkörper, aber auch nur zwei Beine besitzt und zu einem ewigen Ringkampf verurteilt zu sein scheint. Der Bauhaus-Meister Johannes Itten türmt Würfel und Kästen zu einer sich hochschraubenden Pyramide aufeinander, eine von mehreren Arbeiten an der Grenze zur Architektur. Und Edwin Scharff porträtiert die Schauspielerin Annie Mewes als stromlinienförmig stilisierte, nofretetehaft lächelnde Schönheit. Ein späterer Guss, der in die Vernichtungsmaschinerie der „Entartete Kunst“- Schau geraten war, ist im letzten Jahr beim spektakulären Skulpturenfund am Roten Rathaus geborgen worden.

In der Weimarer Republik kommt der Kubismus regelrecht in Mode. Der „Simplicissimus“ druckt 1920 eine Karikatur, auf der ein Künstler die kubistischen Ecken von einer Figur abfeilt, Bildzeile: „Die Natur läppert sich allmählich wieder.“ Wauer verkleinert seine Monumentalplastiken auf Nippesgröße, um sie in größeren Auflagen vermarkten zu können. Sein Kopf des Reichspräsidenten Hindenburg wirkt staatstragend. 1933 versucht er Anschluss ans „Dritte Reich“ zu finden, feiert Hitler in einer servilen Denkschrift als „grandiosen politischen Exponenten des Expressionismus“, kann aber nicht verhindern, dass seine Werke als „entartet“ gelten und er sich als Journalist durchschlagen muss. Er stirbt 1962, 96-jährig und verbittert.

Die Ausstellung endet mit Hans Uhlmanns „Weiblichem Kopf“ von 1940, einer Picasso-Huldigung in gefaltetem Zinkblech. Die Moderne hat sich in den Untergrund geflüchtet und wartet auf die Stunde Null.

Georg-Kolbe-Museum, Westend, Sensburger Allee 25, bis 19. Juni. Di–So 10–18 Uhr. Der Katalog (Wienand Verlag) kostet 24,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar