Ausstellung im Jüdischen Museum : Komm mir nicht mit Kompromissen!

Boris Lurie: KZ-Überlebender, Kunstrebell, Vulgärromantiker. Mit seiner "NO!art" provozierte er in den 1960er Jahren die New Yorker Kunstszene und kämpfte gegen Kommerz und Elitarismus. Das Jüdische Museum in Berlin entdeckt ihn jetzt neu.

Giacomo Maihofer
Eines seiner Ölgemälde aus der frühen Nachkriegszeit.
Eines seiner Ölgemälde aus der frühen Nachkriegszeit.Foto: © Boris Lurie Art Foundation, New York

Auf dem Gelände des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig steht ein Galgen. Die Aufseher haben ihn am Tag zuvor errichtet: für den jungen Polen, der sich in seiner Verzweiflung auf einen SS-Mann gestürzt und ihm mit einem Montierschlüssel auf den Kopf geschlagen hat. Jetzt soll der Junge gehängt werden. Es ist vier Uhr morgens, kalt und trocken. Der Lagerälteste blickt in die Versammlung. Die Häftlinge wenden den Blick ab, einige tuscheln. Er brüllt, „Ruhe!“. Dann tritt er den Stuhl weg, auf dem der Delinquent mit der Schlinge um den Hals steht. Der ruft noch: „Lange lebe die Rote Armee und die Sowjetunion!“ Dann fällt er, zuckt, verstummt. Die Häftlinge nehmen ihre Mützen runter, einer nach dem anderen, es ist wie eine Welle. Boris Lurie starrt aus den hinteren Reihen auf den toten, unbekannten Rebellen. Später widmet er ihm eines seiner ersten Bilder. Auch in seinen Schriften hat er die Szene festgehalten.

Das Bild ist jetzt im Jüdischen Museum zu sehen, der ersten Retrospektive, die Boris Lurie gewidmet wird. Die Werkschau zeigt über 200 Arbeiten, frühe Zeichnungen und Ölgemälde, Collagen, Installationen und Dokumentationen über einen fast vergessenen Künstler, der 1924 als Sohn einer angesehen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren wurde. Die Familie lebt in Riga, der lettischen Hauptstadt. Als die Nationalsozialisten einmarschieren, wird sie auseinandergerissen, Lurie und sein Vater müssen im Ghetto Zwangsarbeit leisten, seine Mutter, Großmutter, Schwester und seine große Liebe werden in den Wald von Rumbula getrieben und ermordet. Bei dem dreitätigen Massaker erschießen die Schergen über 27 000 Juden. Lurie überlebt den Holocaust, die Konzentrationslager Stutthof und Buchenwald.

Mit 20 Jahren emigriert er nach New York, beginnt zu malen und zu zeichnen, expressionistische Ölgemälde, kubistische Formen, Radierungen, mit denen er seine Erfahrungen im Holocaust verarbeitet. Seine großformatigen Arbeiten besitzen eine Ähnlichkeit mit den frühen Werken Jackson Pollocks. Die New York Times wird auf ihn aufmerksam und lobt ihn als interessanten Künstler. Aber Lurie ist angewidert von der New Yorker Kunstszene, von den Horden betuchter Akademikerkinder, die plötzlich in die Lower East Side wie ins gelobte Land strömen, von den Kunstakademien, die den Nachwuchs in Massen abfertigen, von den Künstlern, die sich als eine kleine Gruppe Eingeweihter verstehen, die L’art pour l’art produzieren.

Er mochte es schmutzig. Boris Lurie in seinem Studio in der 6. Straße, 1977.
Er mochte es schmutzig. Boris Lurie in seinem Studio in der 6. Straße, 1977.Foto: © Boris Lurie Art Foundation, New York

Drastische Symbolik: KZ-Bilder mit Pin-Up Girls

Mit zwei Freunden gründet Lurie 1959 die Kunstbewegung „NO!art“. Sie stellt eine Absage an die Konfektionierung der Kunst, die Konsumverherrlichung und Werbeästhetik von Pop-Künstlern wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein dar. Am stärksten aber positioniert sie sich gegen das Getriebe von Galerien, Museen und Markt. Kunst geht laut „NO!art“ alle Menschen an, soll eine populäre Bewegung sein, die in ihrer höchsten Stufe eine demokratische Ästhetik besitzt. Kein lebloses, elitäres Millionengeschäft.

Die March Gallery in der 10. Straße, in der die NO!-Artists in Manhattan ihr Quartier beziehen, wird zum Hotspot für Künstler, Beatniks, Junkies. Unter dem Dach werden wüste Partys gefeiert, im Ausstellungsraum chaotische Protestversuche inszeniert: ekstatisch, düster, ordinär. An drastischer Symbolik mangelt es nicht. Angeschmolzene Zinnsoldaten werden auf einem verformten Schachbrett platziert, angebrannte Babypuppen mit Blumensträußen drapiert. Lurie fertigt aus Magazinausschnitten und Pin-Up-Girls Collagen. In seinen bekanntesten Werken „Saturation Paintings (Buchenwald)“ und „Railroad to America“ überklebt er mit halbnackten Models die ikonischen KZ-Bilder der Kriegsfotografin Margaret Bourke- White, deren Originalbilder im Mai 1945 im LIFE-Magazin erschienen waren. Der Holocaust war dort als Titelgeschichte zwischen Anzeigen für Nylonstrümpfe und Backrezepten abgehandelt worden. Lurie entlarvt den Voyeurismus der Nachkriegsgesellschaft, die den Massenmord ästhetisch in Szene setzt, den pornografischen Blick auf die Ermordeten.

Boris Luries berühmte Collage "Railroad to America". Das Bild sorgte damals für einen Aufschrei.
Boris Luries berühmte Collage "Railroad to America". Das Bild sorgte damals für einen Aufschrei.Foto: © Boris Lurie Art Foundation, New York

Die Kritiken sind größtenteils vernichtend. Die Ausstellungen, an denen zeitweise auch Allen Kaprow, Jean-Jacques Lebel und Erro teilnehmen, werden als abstoßend empfunden. 1964 organisiert die Gruppe ihre letzten Auftritt, die Shit- Show. Der Name ist Programm. Scheisshaufen aus Gips werden flach auf dem Boden der March Gallery verteilt, jeder mit dem Namen eines Sammlers, Kritikers oder Galeristen versehen.

Die Shit-Show ist ein Erfolg

Die Schau wird ein Besuchererfolg, die Kritik ist begeistert. Tom Wolfe, der damals für die Washington Post arbeitet, schreibt: „Ja, das waren 75 Jahre moderne Kunst, die sich mit einer unbestechlichen Logik bis zu dieser Situation hin bei ihnen entwickelt hatte. (…) Sie – das ist die New Yorker Kulturschickeria – betrachten angespannt die Hügel auf dem Fußboden und reden in ihrem Jargon über Masse, Spannungen, Ausdruck, Ambiente.“ Der einflussreiche Pop-Art-Galerist Leon Kraushaar will die „NO!art“- Skulpturen kaufen und die Gruppe unter Vertrag nehmen. Boris Lurie tobt: „Diese Leute sind von der Ästhetik der modernen Kunst und dem zweideutigen Gequatsche so eingeschüchtert, dass sie Angst davor haben, die Sachen als das anzusehen, was sie sind, nämlich Scheiße.“

Kurz darauf verläuft sich die „NO!art“-Bewegung. Einer der Gründer stirbt, ein anderer schließt sich einer esoterischen Sekte an. Lurie organisiert mit anderen Künstlern wie dem Berliner Dietmar Kirves bis zu seinem Tod 2008 Ausstellungen in Deutschland und den USA. Allerdings ohne große Resonanz.

Das soll nun anders werden mit der Retrospektive „Die Kunst des Boris Lurie – keine Kompromisse!“ im Jüdischen Museum. Mit der musealen Präsentation seiner Werke geht jedoch der chaotische Charme ihrer Entstehung, ihre Wirkung verloren. Problematisch ist vor allem die Kooperation mit der „Boris Lurie Art Foundation“ mit Sitz in New York und ihrem Alleinvertretungsanspruch für die „NO!art“-Kunst. Lurie, der sich bis auf wenige Ausnahmen weigerte, seine Kunst zu verkaufen, und mit Pennystocks und Immobiliengeschäften ein Vermögen von über 80 Millionen Dollar anhäufte, hatte in seinem Testament verfügt, dass dieses Geld nach seinem Tod für eine Stiftung eingesetzt werden sollte, um die „NO!art“ in die Welt zu tragen.

Stiftung geht gegen Luries Freunde vor

Doch die „Boris Lurie Art Foundation“ hat den Begriff als Handelsmarke eintragen lassen und geht gegen andere „NO!art"-Künstler und Freunde von Lurie vor, unter anderem gegen Dietmar Kirves, der im Internet eine umfangreiche Enzyklopädie der Gruppe betreibt und davon berichtet, dass die Stiftung ihm vorwerfe, ihr geistiges Eigentum zu verletzen und ihm mit einer Klage drohe.

Die Berliner Retrospektive ist der Beginn einer Offensive, Ausgangspunkt einer weltweiten Ausstellungstournee. Luries Bilder steigen im Wert. Dietmar Kirves wirft der Stiftung vor, die Förderung von Nachwuchskünstlern, die der „NO!art“ nahestehen, wie von Lurie ausdrücklich gefordert, kaum zu betreiben. Gefragt nach den aktuellen Stipendiaten, konnte Vorstandsmitglied Anthony Williams bei der Pressekonferenz zur Ausstellung, keine Namen nennen.

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, bis 31. Juli; Mo 10 – 22 Uhr, Di bis So 10 – 20 Uhr. Katalog (Kerber Verlag) 29 €.