Ausstellung : Im Kinderzimmer

Die Galerie Contemporary Fine Arts würdigt den großen Berliner Galeristen Rudolf Springer.

Daniel Völzke

Immer war was los: Rudolf Springer hat sich als Häuptling verkleidet, Rudolf Springer hockt mit Künstlern beisammen auf dem Boden und spielt mit Bauklötzen. Rudolf Springer bekommt Besuch von Kasper König, Markus Lüpertz oder A. R. Penck, Henry Miller wird in Springers Garten von Marino Marini porträtiert.

Es ist 1948, und der Kriegsheimkehrer Springer eröffnet im Haus seiner Eltern eine erste Galerie. Es ist 1963, und das „unsittliche“ Bild „Die große Nacht im Eimer“ des Springer-Künstlers Georg Baselitz wird in der von Springer-Schülern und -Freunden geleiteten Galerie Werner & Katz beschlagnahmt. Es ist der Beginn der Neunziger, und die Kunstgeschichtsstudentin Nicole Hackert geht zu einer Vernissage in die Galerie Springer am Kurfürstendamm, der Galerist spricht sie an und fragt nach dem Namen ihrer kleinen Off-Galerie im Osten der Stadt. „Die werden Sie nicht kennen“, antwortet Hackert. Und der damals über achtzig Jahre alte Rudolf Springer kennt sie doch.

Heute leitet Nicole Hackert mit Contemporary Fine Arts eine der erfolgreichsten Berliner Galerien, und bevor diese in ihre neuen Räume am Kupfergraben zieht, widmet sie eine letzte Ausstellung in der Sophienstraße dem heute 98-jährigen Vorbild Rudolf Springer.

„Marchand d’art“ zeigt in charmant musealer Anmutung die Matrix, aus der sich das Wissen und Wirken dieses ehemaligen Versicherungsvertreters speist, die von den Verlegereltern geerbte Begeisterung für Bücher, die Sammelleidenschaft, das umherschweifende Interesse, das sich manchmal an Kuriositäten heftet, mal echte Entdeckungen zutage fördert. Hier findet sich die Feldlektüre des Marinesoldaten Springer („Kunst oder Kitsch“), Bilder seiner Künstler, etwa die surrealistischen, symbolistischen Zeichnungen des Psychotikers und alten Wunderkinds Friedrich Schröder Sonnenstern, hier wacht eine mexikanische Fetthundskulptur aus dem Besitz des Galeristen neben einem afrikanischen Nagelfetisch. Am Eingang begrüßt den Besucher ein Bild der Malerin Christa Dichgans, der vierten, jetzigen Ehefrau Springers, die nun von Contemporary Fine Arts vertreten wird. Sie malte Habseligkeiten des Berliner Galeristenhäuptlings, aufgetürmt zu einem bunten Haufen: Kunstwerke, Brille, ein Foto des geliebten Bullterriers, Elternhaus, Springerfigur aus einem Schachspiel. Wie ein Blick in ein Kinderzimmer, der Blick auf dieses lange Leben. Auch die Anekdoten zu den Ausstellungsstücken stapeln sich. Einmal etwa wollte Rudolf Springer in der Bar „Quartier Bohème“ auf dem Kurfürstendamm Zeichnungen Klaus Kinskis ausstellen. Da es aber der damals noch völlig Unbekannte trotz Aufforderung nicht lassen konnte, den Hund des Galeristen zu füttern, sagte Springer die Ausstellung kurzerhand ab. Nur noch die Einladungskarte zeugt von einem möglichen Karriereweg Kinskis als Zeichner.

Ein Hauch einer Zeit, die sich Irr- und Umwege, Auslassungen und aufwendige Seitenprojekte leisten konnte, weht durch die Räume einer heutigen internationalen Topadresse für zeitgenössische Kunst. Als Springer mit seinem Geschäft begann, gab es in Berlin gerade mal vier Galerien. Nicole Hackert und die Galerie Contemporary Fine Arts halten kurz und etwas wehmütig inne – bevor es weitergeht im hochtourigen Kunstbetrieb und immer weiter. Daniel Völzke

Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21. Bis 25. August, Di. bis Fr. 10–13 und 14–18 Uhr, Sbd. von 11–17 Uhr.

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